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Nie wieder Islamismus

Der Islamismus will eine Absolutsetzung eines Islamverständnisses, das von männlichen Klerikern beliebig festgesetzt wird, als Lebens- und Staatsordnung manifestieren. Daraus entsteht eine Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis. Das ist das Fundament für die ganzheitliche Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft. Sämtliche Institutionen werden so auf Linie des Klerus gebracht. Es entwickelt sich eine homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des jeweiligen Islamverständnisses. Die Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat ist zwangsläufig.

Erreicht der Islamismus sein Endziel, den Gottesstaat, tritt ein männlicher Führer in den Mittelpunkt, der im Namen des Klerus spricht und für sich den Anspruch stellt, „die eine“ Wahrheit inne zu haben – Koran und Sunna. Somit kann es keinen Fortschritt im Wissen geben – „die Wahrheit“ ist ein für allemal offenbart worden. Abweichende Meinungen werden systematisch unterdrückt & vernichtet.

Um überleben zu können, benutzt der Islamismus den technischen Fortschritt, lehnt den Geist von 1789 als Beginn der modernen Verderbnis aber ab. Der Islamismus sieht das freie Denken als eine Art Kastration. Kultur, die sich mit dem kritischen Denken identifiziert, ist ihm suspekt. Ein kritischer Geist trifft Unterscheidungen und wirkt als Symbol der Modernität – Dissens als Mittel der Vermehrung des Wissens. Für den Islamismus ist Dissens und Vielfalt Verrat.

Nicht-Muslim*innen werden in einem islamistischen System unterteilt in Christ*innen und Jüdinnen und Juden (ahl-al-Kitab), die Besitzer*innen einer Schrift, die einen Gott anbeten. Sie haben eine besondere Steuer (jiziya) zu entrichten und genießen im Gegenzug den Schutz des islamischen Gemeinwesens. De facto sind sie aber Menschen zweiter Klasse und diversen strukturellen Diskriminierungen unterworfen. Die Rechte der Mitglieder anderer religiöser Gemeinschaften oder gar von Atheist*innen bleiben völlig ungeklärt. Damit steht immer im Raum, dass diese – falls sie nicht zum Islam konvertieren – keinerlei Rechte besitzen.

Frauen werden systematisch aus der Öffentlichkeit verdrängt. Bewegen sie sich dennoch im öffentlichen Raum, dürfen sie in der Regel nur Gesicht und Handflächen zeigen, da sie laut dem islamistischen Gedankankengut, über ein „verletzlicheres Schamgefühl“ als der Mann verfügen. Dem Islamismus wohnt seinem Wesen nach eine rigide Geschlechtertrennung inne.

Die Kontrolle der Sexualität ist ein primäres Ziel des Islamismus. Dabei ist man der Sexualität gegenüber durchaus aufgeschlossen, beschränkt sie aber im Rahmen der heterosexuellen Ehe und des Privatbereiches. Homosexualität und andere Lebensentwürfe werden mit drastischen Strafen belegt und gesellschaftlich stigmatisiert.

Im Islamismus gibt es keinen Kampf ums Überleben, sondern ein Leben für den Kampf. In dieser Perspektive sollen alle Menschen zum Heldentum erzogen werden, ein Kult des Todes, der das Glück im Jenseits sucht. Das Traktat „Die Todesindustrie“ von Hasan al-Bannā, dem Gründer der Muslimbruderschaft, ist das geistige Fundament des islamistischen Mär­ty­rer­tums in der Moderne.

Der Islamismus muss auf verschiedenen Ebenen verstanden werden. Nicht jede islamistische Bewegung oder Organisation kann jedes der genannten Merkmale unmittelbar umsetzen, weil man sich in Abhängigkeiten und anderen Vereinbarungen befindet. Bis man das Endziel, den Gottesstaat, erreicht, ist eine „Färbung“ der Gesellschaft im Sinne der genannten Merkmale, ein probates Mittel vieler Islamist*innen. Wer sich damit nicht zufrieden gibt, folgt den Thesen Sayyid Qutbs und greift das Staatsgebilde militärisch frontal an wie der IS. Das nennt man dann dschihadistischen Islamismus.

Die Mehrheit der nichtorganisierten Muslim*innen im Westen lehnt das Modell des Gottesstaates ab. Kein Mensch will in Unfreiheit leben. Trotzdem gibt es gerade in konservativen islamischen Milieus vermehrt Schnittmengen mit islamistischem Gedankengut, das lässt sich nicht mehr von der Hand weisen. Deshalb sind säkulare und liberale Muslim*innen, auch wenn sie noch gefühlt in der Unterzahl sind, weil sie sich erst seit wenigen Jahren organisieren, unverzichtbare und auf lange Sicht einflussreiche Partner*innen im Kampf gegen Unfreiheit, Unterdrückung und Islamismus. Nur gesamtgesellschaftlich kommen wir voran.

Wie kann dem Islamismus begegnet werden?

Die Lösung der Islamismus-Problematik liegt zwangsläufig nicht in der Rückbesinnung auf nationale Werte. Nationalstolz befriedigt zu oft Minderwertigkeitsgefühle auf Kosten derer, die nicht in das Schema F fallen. Unsere Gesellschaft ist zu heterogen als dass sie künstlich in nationale Werte gepresst werden müsste. Denkende Menschen bewahren sich einen gesunden Abstand zu den Mythen des Kollektivs. Es gilt dabei: Je größer und komplexer das Kollektiv ist, desto vereinfachender und vorurteilsvoller muss die kollektive Identität sein. Deshalb basiert die nationale Identität unausweichlich auf selbstgefälligen Vorurteilen. Nationen sind in ihrer Entstehung fast durchweg durch ausschließende Faktoren erwachsen, die sich im nächsten Schritt militärisch selbst legitimiert haben. Das Interesse vieler Islamist*innen an der sogenannten „Umma“, begründet sich auch darin, dass sie über den Rahmen eines Stammes oder Clans hinausreicht.

„Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenzen anzusehen.“ Christian Morgenstern

Der Islamismus kann nur durch einen Werte-Konsens, der sich in den universellen Menschenrechten wiederfindet, besiegt werden.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Hier ist eine interkulturelle, grenzenübergreifende Arbeitsteilung ein zentrales Element. Die Herkunft und Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft treten dabei in den Hintergrund und verlieren an Bedeutung. Wir brauchen eine Art Bildungsreform 2.0 nach Wilhelm von Humboldt, der heute womöglich europäisch, statt national denken würde. Überspitzt kann man sagen: Preußische Reformen ohne Preußen – ohne Nationalismus, ohne Militarismus, ohne die Förderung von geistigen „Großgrundbesitzer*innen und adligen Junker*innen“.

Der Kampf gegen den Islamismus kann nur durch eine umfassende Bildungsreform mit einem humanistischen Bildungsideal gewonnen werden. Das Individuum im Mittelpunkt des Bildungsprozesses. Individuelle Freiheit, die untrennbar an Eigenverantwortung gekoppelt ist.

Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Demonstrationsfreiheit, Gewaltenteilung, Säkularismus, Minderheitenschutz, geheimes, gleiches, allgemeines und freies Wahlrecht (aktiv und passiv), die Kontrolle der Regierung, Religionsfreiheit, Feminismus, Gleichberechtigung und Chancengleichheit sollen sich in einem Bollwerk wiederfinden, das auf Grundlage der Menschenrechte und Grundrechte, dem Islamismus die richtige Antwort geben wird:

„Hier und nicht weiter“.

Was der Islamismus als Gefahr ansieht, sehen wir als Chance und Antrieb einer gesunden Gesellschaft. Dazu gehören zwangsläufig das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Der Islamismus kann militärisch nicht besiegt werden, sondern muss logisch, aber auch moralisch entkräftet werden.

Die Fähigkeit, das Wort „Nein“ auszusprechen, ist der erste Schritt zur Freiheit. „Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet.“ Um die Freiheit schätzen und im Notfall auch verteidigen zu können, müssen die Menschen mündige Menschen sein. Unser Bildungssystem erzieht zu oft keine mündigen Menschen mehr, daher wird der Kampf gegen den Islamismus in Zukunft im Klassenzimmer entschieden.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle

Der AKPische Größenwahn

„Der Begriff Napoleon-Komplex wurde von dem Psychologen Alfred Adler geprägt und bezeichnet das Verhalten, eine kleine Körpergröße durch von außen sichtbare Erfolge und Statussymbole zu kompensieren.“

Im Juni 2014 legte der damalige Ministerpräsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, den Grundstein für den größten Flughafen der Welt, ein Riesen-Airport, der im Oktober 2018 seinen Betrieb in Istanbul aufnehmen soll. Eines von unzähligen Mega-Projekten, die unter der Herrschaft der AKP-Regierung geplant und umgesetzt wurden, meist auf Kosten der Umwelt mit besonderem Segen aus Ankara. Dass die türkische Wirtschaft inzwischen durchfressen von Korruption ist, stellt dahingehend keine bahnbrechende Neuigkeit mehr dar.

All diese Mega-Bauten sollen der Welt nicht nur eine neue Wirtschaftskraft zeigen, sie sind vielmehr Ausdruck eines ausgeprägten internationalen Machtanspruches, wobei selbst in Regierungskreisen offen von einem Neo-Osmanischen-Reich geträumt wird. In der Großen Nationalversammlung in Ankara ticken die Uhren halt ein wenig anders. Man will endlich wieder wer sein.

In der Psychologie geht man davon aus, dass einem Größenwahn meist ein ausgeprägter Minderwertigkeitskomplex zu Grunde liegt, der unglaubliche Kräfte und Emotionen freisetzen kann und nicht selten in diversen Katastrophen für alle Beteiligten endet. Gerade in der Türkei steht der Aufstieg der AKP für den Aufstieg der einfachen Frau und des einfachen Mannes. Für die, die sich niemals durch die Elite, die Kemalist*innen, repräsentiert gefühlt hatten und sich auf Lebenszeit durch „die da oben“ degradiert sahen.
Recep Tayyip Erdoğan war einer von ihnen, der nicht aus einer elitären Familie und vornehmen Vierteln stammte und der wahrscheinlich auch nie eine Universität besucht hatte, auch wenn er anderes behauptet. Für viele Menschen in der Türkei war das laizistisch-westlich-orientierte Erbe Atatürks nie Teil ihres Alltags in einer eher konservativ, in Teilen noch islamistisch geprägten Gesellschaft. Dass einer aus ihren Reihen erst Bürgermeister von Istanbul und dann zum unangefochtenen Herrscher einer neuen Türkei werden würde, ließ sich wohl für viele ab 2003 kaum noch in Worte fassen.

Bezeichnend finde ich Erzählungen, die ich immer wieder von jungen türkisch-stämmigen Menschen lese, die ihre Begeisterung für Erdoğan an einem Schlüsselerlebnis im Januar 2009 festmachen.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos kam es zu einem Eklat auf dem Podium, wobei Erdoğan dem damaligen israelischen Präsidenten Peres unterstellte, dass Israel im Gaza-Krieg gezielt mit Raketen „Kinder töte“, allgemein die Menschenrechte missachte und die schlimmsten Barbareien betreibe. Übersieht man einfach mal die antisemitische „Kindermörder-Legende“, war es schon sehr auffällig, dass es Erdoğan egal schien, dass Israel zuvor täglich von der Hamas mit iranischen Raketen beschossen wurde. Alles in allem also die übliche islamistisch-antisemitische „Israel-Kritik ©“, wie man sie auch aus Brennpunkten in Deutschland kennt.

Bei seiner Rückkehr in die Türkei wurde Erdoğan dann von tausenden Demonstrant*innen begeistert als „Eroberer von Davos“ gefeiert. Das Video von der Podiumsdiskussion wird bis heute mit hundertausenden Aufrufen im Internet verbreitet und meist mit entsprechend epischer Musik unterlegt. Anscheinend hatte Erdoğan mit seinen wütenden Aussagen den Nerv der Zeit bei vielen meist muslimisch-konservativ geprägten Jugendlichen getroffen, so dass er spätestens ab diesem Tag eine Art „Heldenstatus“ inne hatte. Ein Held durch Antisemitismus und den Hass auf einen Staat. Balsam für die Seele tausender Menschen, denen endlich jemand im epischen Maße eine Stimme gegeben hatte. Wie wenig müssen Menschen von sich selber halten, wenn ein solcher Auftritt ihrem Leben einen Sinn zu geben scheint?

„Man muss ihn nicht mögen, aber hier sagt er die Wahrheit“ schreibt Ahmed Pain bei Youtube. Fatmagül ergänzt: „Erdogan ♥ ehrenmann“.

Fast jedem Minderwertigkeitskomplex wohnt ein stabiles Feindbild inne. Die oder der, die/der für das eigene Unvermögen zumindest mitverantwortlich ist. In großen Teilen der islamischen Welt, auch in Reihen der islamistischen AKP, steht Israel für alles Übel dieser Welt und liefert immer wieder eine „Rechtfertigung“ für die Herrscher des Nahen- und Mittleren Ostens, ihre Gesellschaften intellektuell aushungern zu lassen und konstant antisemitisch zu sozialisieren. Der Faschismus pflegt sein Feindbild.

Mit dem selben Enthusiasmus wie man den Hass auf Israel zelebriert, lassen sich AKP-Anhänger*innen von den Prachtbauten auf türkischem Boden begeistern und sagen voller Stolz: „Wir sind wieder wer!“ Gerade in Deutschland, wo sich viele türkisch-stämmige Menschen bis heute nicht als Teil der Mehrheitsgesellschaft sehen und immer noch das Gefühl haben, als minderwertig betrachtet zu werden, kommt jemand wie Recep Tayyip Erdoğan daher und spricht von einem Neo-Osmanischen-Reich, zu dem auch die Menschen in der Diaspora gehören sollen. Einer von ihnen, der von ganz unten kam und heute den Nerv der Zeit trifft mit Nationalismus und Islamismus in Synthese, mit Machtansprüchen, Mega-Bauten und „potent-maskulinen“ Ansagen vor allem an die ewigen Freund-Feinde im Westen. Auch der Machismo wohnt dem Faschismus inne. Dass diesen Muskelspielchen aber eine tiefe Verunsicherung zu Grunde liegt, sieht man schon alleine an Banalitäten wie der Größe eines Stuhles. So sind in Erdoğans Palast die Stuhl-Beine des Sultans grundsätzlich länger als die seiner Besucher*innen, was ihn in die Situation versetzt auf seine Gesprächspartner*innen herunter zu schauen.

Ich habe ein Stück weit Verständnis für die Gefühle vieler AKP-Anhänger*innen in Deutschland, wo Erdogan seine stärksten Wahlergebnisse einfährt. Übrigens stärkere als in der Türkei. Struktureller Rassismus, gerade gegen Kinder der Gastarbeiter*innen aus der Türkei, ist auch 2017 ein sichtbares Problem. Mit einem gewissen Namen, Aussehen und Backround hat man nach wie vor Probleme in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche. Deutschland hat seit den frühen 1960er Jahren die Integration von Millionen Menschen verschlammt und sieht sich heute einem Teufelskreis ausgesetzt, den das eigene Versagen, aber auch die islamistisch-nationalistische Ideologie, die von Teilen der Gastarbeiter*innen mitgebracht wurde, unauflösbar erscheinen lässt. Und ja, es gibt viele Menschen in der Mehrheitsgesellschaft, für die „der Ali von nebenan“ einfach immer „der Türke“ bleiben wird.
Ganz unten“ ist man heute als türkisch-stämmiger Mensch mit Sicherheit nicht mehr so häufig wie Wallraff Anfang der 1980er. In einer gerechten Gesellschaft leben wir trotzdem bei Weitem nicht und da scheinen die Liebesbekundungen eines Sultans aus Ankara bei vielen auf fruchtbaren Boden zu fallen. Es geht wohl mehr um Emotionen als um politische Inhalte.

Rassismus ist ein Geschwür, das jeder Gesellschaft dieser Erde inne wohnt, davon bin ich überzeugt. Sich aber auf Grund einer Zurückweisung oder rassistischen Vorurteilen einem faschistischen, islamistischen, rassistischen, antisemitischen und ultra-nationalistischen Diktator wie Erdoğan schon beinahe hinzugeben und ihn als „Retter dieser Welt“ zu verehren, führt eine Community und kurz danach auch eine Gesellschaft in den Abgrund. Spätestens dann, wenn das Geld fehlt, die neuen Prunkbauten in Stand zu halten, und die Islamisierung des Bildungswesens die Wirtschaft ruiniert, wird man sich wohl auch in den türkischen Communities über Statussymbole und ihren wahren Wert für eine intakte Gesellschaft Gedanken machen müssen.

FAZIT

Die dauernde Opferrolle und aus ihr resultierende Feindbilder in Kombination mit Mega-Bauten werden den Menschen in Zukunft kein Brot auf den Teller zaubern, da kann man noch so oft „allāhu akbar“ schreien und auf Israel schimpfen.

Plädoyer für den Ethik-Unterricht

Konfessionsgebundene, religiöse Bildung sollte nicht Aufgabe eines Staates sein, der sich selber religionslos definiert.

„Der Staat ist Heimstatt aller Bürgerinnen und Bürger und darf sich von Verfassungs wegen nicht mit einer bestimmten Religion identifizieren.“

Nicht umsonst ist dieser Satz im Neutralitätsgebot der deutschen Verfassung manifestiert. Wobei ich das Wort „neutral“ in diesem Zusammenhang kritisch sehe, nicht nur auf Grund der Präambel des Grundgesetzes. Man kann in der Interpretation von einem „religionsfreundlichen“ Verständnis der Neutralität sprechen, das sich aber klar vom Laizismus-Verständnis Frankreichs unterscheidet.

„Staat und Religionsgemeinschaften sind sich demnach wechselseitig zugewandt, wovon etwa der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen (Art. 7 Abs. 3 GG) oder der öffentlich-rechtliche Status von Religionsgemeinschaften (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 5 und 6 WRV) zeugen.“ BpB – Religionsfreiheit oder Neutralitätsgebot?

Inwiefern der deutsche Staat im Moment der Kooperation mit einer Religionsgemeinschaft noch neutral agiert, erschließt sich mir dabei nicht wirklich. Daher ziehe ich das Wort religionslos bei der Definition des Staates vor.

Die Probleme, die sich aus dieser Kooperation für den Staat ergeben, sind weitreichend und widersprechen mitunter seinem humanistischen Selbstverständnis, das auf Grundlage der Aufklärung und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, in staatlichen Institutionen etabliert sein sollte. So kann die Kirche beispielsweise einem katholischen Religionslehrer weiterhin die Lehrerlaubnis entziehen, wenn dessen Ehe in die Brüche geht und er erneut heiraten möchte. Im Falle des islamischen Religionsunterrichtes war es bis Anfang 2017 sogar dem türkisch-islamischen Dachverband DITIB erlaubt, an Inhalten des staatlichen Religionsunterrichtes in NRW mitzuarbeiten und an Lehrpersonal eine Lehrerlaubnis auszustellen. Erst nach den Spitzelvorwürfen gegen einige DITIB-Imame, ließ DITIB seinen Sitz im entsprechenden Beirat selber ruhen. Eine Organisation, die finanziell als auch ideologisch durch die islamistisch-nationalistische AKP in der Türkei kontrolliert wird.

Die angeführten Beispiele sind Paradebeispiele dafür, was passieren kann, wenn der Staat sich auf eine „religionsfreundliche“ Kooperation mit religiösen Vertretern in staatlichen Schulen einlässt. Die Gehälter der ReligionslehrerInnen werden dazu durch den staatlichen Steuertopf finanziert und belaufen sich inzwischen auf ca. 1,6 Milliarden Euro. (Vgl. Einzelheiten und Berechnungen in Carsten Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert. Aschaffenburg 2010.)

Da der Staat sich als religionslos definiert, darf und will er natürlich nicht definieren welche Glaubenslehren „richtig“ oder „falsch“ sind. Diese Aufgabe kommt dann in der Kooperation der jeweiligen Religionsgemeinschaft laut Verfassung zu, wobei DITIB pikanterweise bis dato nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Und gerade hier lauert das nächste Problem:

Wer definiert wo, wie und aus welchem Grund, welche Glaubenslehre „richtig“ oder „falsch“ ist? Welchen Platz nehmen Kritik und Zweifel in diesem Kontext ein, die im Selbstverständnis von Humanismus und Aufklärung maßgeblich sind?

Ehe man sich versieht, betritt der religionslose Staat das Feld der religiösen Dogmen und entfernt sich von seinem Grundsatz, dass staatliche Schulen zentral ein Ort des Wissens sein sollten, in denen Kritik, Zweifel und unangenehme Fragen als Teil der intellektuellen Reibung den gesellschaftlichen Fortschritt gewährleisten.
Was passiert, wenn eine Schülerin oder ein Schüler den Propheten Mohammed nicht als unfehlbares Vorbild für alle Zeiten anerkennen will, anders als dieser im gängigen Mainstream-Islamverständnis verstanden wird? Was passiert, wenn sich SchülerInnen gar von Teilen der Glaubenslehre im Unterricht offen distanzieren oder sie als „unwahr“ einstufen. Bei diesen Frage enstehen alleine in den muslimischen Communitys hochbrisante Konfrontationen zwischen liberalen und konservativen Musliminnen und Muslimen, ganz zu schweigen von der Rolle salafistischer Milieus, die bei solchen Fragen nicht selten mit Gewaltaufrufen und anderen Gesetzeswidrigkeiten antworten.

Diese Probleme können in einer Kooperation mit diversen Religionsgemeinschaften nicht an staatlichen Schulen geklärt werden und sollen es auch nicht. Denn die Problematik würde am Ende eine Instanz erfordern, die dann wiederum festlegt, was „richtig“ und was „falsch“ ist, womit sich Kritik, Zweifel und der Geist der Aufklärung unserer Verfassung verabschiedet hätten. Eine Verfassung, die verschiedene „Wahrheiten“ nebeneinander gleichberechtigt existieren lässt und sich davor hütet, eine Instanz der Dogmen zu sein.
Wozu wollen wir weiterhin junge Menschen schon symbolisch ab der Grundschule trennen und in verschiedene konfessionsgebundene Religionsunterrichte schicken? Hier wird meiner Meinung nach, eine geistige Grenze zwischen jungen Menschen aufgebaut, die sich in der weiteren Sozialisation manifestiert.

Religion ist ein wichtiger Bestandteil unserer Bildung, das will ich nicht bestreiten. Und das auch nicht erst, seitdem VertreterInnen islamischer Communitys in Deutschland spürbar mehr in den Mittelpunkt rücken. Religion soll nicht pauschal verteufelt oder komplett aus dem Alltag verbannt werden. Doch der staatliche Zugang zur Religion sollte endlich ein anderer werden, indem es nicht darum geht, was als „richtig“ oder „falsch“ von irgend einer Instanz bestimmt wird, sondern wo jedem frei und individuell selbst überlassen wird, wie man glauben möchte oder nicht. Diese Freiheit sehe ich durch einen getrennten konfessionsgebundenen Religionsunterricht nicht gegeben. Wir brauchen keinen evangelischen, katholischen, islamischen und jüdischen Religionsunterricht – Wir brauchen einen Ethikunterricht, in dem alle Kinder und Jugendlichen, ungeachtet ihrer Weltanschauung, gemeinsam das Mysterium Religion erforschen können. Einen Unterricht, der verbindet, statt zu trennen. Einen Ort, an dem Gemeinsamkeiten erarbeitet & Unterschiede analysiert werden und die säkulare-humanistische Demokratie als Dach des gemeinsamen Lernens leidenschaftlich und nachhaltig vermittelt wird. Das kann man natürlich auch anders sehen, gerade mit Blick auf Art. 7 Abs. 3 des deutschen Grundgesetzes, doch stellt die demokratische Instanz, anders als einige AnhängerInnen der Religionsgemeinschaften, keinen Anspruch auf Vollkommenheit. ;)

FAZIT

Es ist Zeit für Zusammenführung. All die Grenzen und Aufteilungen innerhalb unserer Gesellschaft haben die Menschen entzweit und sollten mit Blick auf die Zukunft nicht stumpf aufrechterhalten werden. Religionsgemeinschaften haben ihren Platz in der deutschen Gesellschaft und sollten doch im Interesse aller Menschen auch darüber nachdenken, gewisse Privilegien endlich abzutreten. Ein flächendeckender Ethik- statt Religionsunterricht wäre dabei ein wichtiger Schritt zur Verbesserung.

Statement zum Thema „Kopftuch“

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, einen Anfang bei so einem komplexen Thema zu finden. Um sich dem Thema inhaltlich differenziert zu widmen, sollte man auf verschiedenen Ebenen argumentieren.

Die gesetzliche Ebene

Die allgemeine Handlungsfreiheit ist ein aus Art. 2 Abs. 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland abgeleitetes Grundrecht:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Ein Kopftuch zu tragen, zählt zu der Entfaltung der Persönlichkeit. Wenn eine Frau ein Kopftuch tragen möchte, dann ist das ihr gutes Recht, auch im Berufsleben, an der Uni oder als Schülerin.

In einen Konflikt mit der verfassungsmäßigen Ordnung kommt sie nur, wenn sie dieses religiöse Symbol im Staatsdienst tragen möchte. Da sich der Staat aus gutem Grunde und der Erfahrung aus der Geschichte, heute religionslos definiert, muss seine Verkörperung, die Staatsdienerin oder der Staatsdiener, demnach ohne ein religiöses Symbol auftreten. Somit sollte es ihm/ihr nicht gestattet sein, z.B. ein Kreuz, eine Kippa oder eben ein Kopftuch im Staatsdienst zu tragen.

„Der Staat ist Heimstatt aller Bürgerinnen und Bürger und darf sich von Verfassungs wegen nicht mit einer bestimmten Religion identifizieren.“

Die Verbannung ALLER religiösen Symbole aus Gerichten, staatlichen Schulen und einem Großteil des staatlichen Dienstes ist für mich die logische Konsequenz. Verhandlungsspielräume schließe ich hier aber nicht aus, z.B. im Verwaltungsbereich.

Mein persönliches Empfinden

Ich „bewerte“ Menschen individuell nach ihrem Charakter, ihren Worten und Taten. Ehrlichkeit, Loyalität, Menschlichkeit, Herzlichkeit, Zuverlässigkeit, Humor, Respekt, Mut und Einsatzbereitschaft sind für mich Eigenschaften, auf die sich mein Blick beim Menschen vordergründig richtet. Sie sind zentral in dem Moment, in dem ich entscheide, ob ich näheren Kontakt zu einem Menschen haben möchte oder nicht. Das Kopftuch ist daher in diesem speziellen Bereich erstmal von keiner großen Bedeutung für mich.

Die religiöse Komponente

Ich bin kein Theologe und habe hierzu nur eine Laien-Meinung. Meiner Recherche nach gibt es im Koran keine eindeutige Anweisung zum Tragen eines Kopftuches. Islamische Gelehrte (natürlich Männer) interpretieren seit Jahrhunderten die Suren 24, 31 / 33, 59 & 33, 53. In den Suren geht es u.a. darum, dass Frauen wohl eine Art Schal (himar) tragen sollen, der ihren Schmuck verdeckt. Schmuck lässt sich in einem großen Spektrum interpretieren und wird in der Sure nicht genau definiert. Des Weiteren wird von einem „Übergewand“ gesprochen, damit Frauen nicht erkannt und entführt werden können, was in der Zeit Mohammeds wohl ein großes Problem darstellte. Die dritte Sure bezieht sich konkret auf die Frauen des Propheten, die sich bei Besuch im Hause hinter einem „Hidschāb“ aufhalten sollten. Hidschāb wird heute sowohl als Kopftuch interpretiert als auch als eine Art Trennwand, hinter die die Frauen des Propheten bei einem männlichen Besuch im Haus gingen. Zusammenfassend bietet keiner der drei in Frage kommenden Koranverse einen eindeutigen (!) Anhaltspunkt, dass Frauen ein Kopftuch oder einen gesichtsverhüllenden Schleier tragen sollen, jedoch beharren viele klassische Koraninterpreten darauf, dass es eine religiöse Pflicht für Musliminnen zum Tragen eines Kopftuches oder einer anderen Verschleierung (Hidschab) gebe.

Da ich nicht vom Fach bin, wird man meine These wahrscheinlich argumentativ widerlegen können. Dafür bin ich offen.

Die pädagogische Ebene

Vorab: Die erz-konservativen und leider auch einflussreichsten Teile der muslimischen Communitys tun zu wenig im Kampf gegen den nicht selten enormen sozialen Druck in ihren Reihen, der viele junge muslimische Mädchen nicht in die Lage versetzt, vollkommen frei zu entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. Hier spreche ich aus Erfahrung als Erzieher und Betreuer in Integrationsgruppen.

Ein 11-, 12- oder 13-jähriges Mädchen wird sehr selten in der Lage sein, sich ein umfangreiches und differenziertes Bild auf psychologischer, sozialer, sexueller, philosophischer und religiöser Ebene zu machen, wenn es darum geht, ob sie ein Kopftuch tragen will oder nicht.

Beim Kopftuch geht es in vielen Fällen auch darum, dass die Frau dem Mann keinen Anreiz geben möchte, dass dieser die Kontrolle über seine natürlichen sexuellen Instinkte verliert, durch den Anblick des weiblichen Körpers, der Haare und anderen äußerlichen Merkmalen. Das setzt ein Männerbild voraus, das ich persönlich als hochgradig diskriminierend empfinde, da der Mann hier als Tier verstanden wird, das über jede Frau herfällt, die ein bisschen von ihrem Körper oder Haar zeigt. 12-jährige Mädchen haben in der Regel in diesem Alter noch keine oder sehr wenig sexuelle Erfahrungen gesammelt, demnach kommt dieses Männer- und Sexualbild wohl eher von der Familie, dem Umfeld oder anderen Bezugspersonen. Ich nenne das Indoktrination.

Auch die theologische Einordnung der entsprechenden Suren, besonders in ihrem sozialen Kontext, kann kaum von einem 12-jährigen Mädchen erbracht werden. Dazu gehören Lebenserfahrung und ein differenzierter Einblick in die religiösen Quellen. In diesem Zusammenhang geht es auch um philosophische Fragen, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen. Meiner Erfahrung nach ist ein so junges Mädchen nicht im vollen Umfang dazu im Stande und daher bestreite ich die Behauptung, dass ein Großteil der Mädchen unter 16 Jahren, ein Kopftuch aus freier Entscheidung und ohne Druck durch das soziale Umfeld tragen. Auf Statistiken kann ich mich dabei nicht stützen, es bleibt mein individuelles Gefühl und meine subjektive Erfahrung, also eine These.

Frauen ab dem 16. Lebensjahr sehe ich durchaus im Stande, die genannten Fragen für sich differenziert beantworten zu können. Wenn eine Frau sich demnach frei entscheidet, ist ihre Entscheidung durch das deutsche Grundgesetz gedeckt, es ist ihr gutes Recht und ich werde mich tunlichst zurückhalten, mir darüber ein Urteil zu bilden. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist ein hohes Gut unserer Gesellschaft.

Das Kopftuch als politisches Symbol

Hierzu habe ich ein differenziertes Statement der Grünen Jugend gefunden, das auch meine Meinung relativ gut auf den Punkt bringt:

„Gerade in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung ist die politische Bedeutung des Kopftuchs unbestreitbar. Es wurde -teilweise- verboten, wenn der Bruch mit gottesstaatlicher Tradition demonstriert werden sollte, und als Bekleidungsvorschrift (wieder) eingeführt, wenn eben dieser „Gottesstaat“ zum Leben erwachte. Das Kopftuch ist dabei, in der Form wie Ferestha Ludin es trägt, die mit westlichem Kleidungsverständnis noch am ehesten nachvollziehbare Verhüllung. Sie findet ihre ausgeprägteren Formen dort, wo außer den Haaren auch die Hände, der Mund oder eben das ganze Gesicht bedeckt werden müssen. Alle diese Bekleidungsvorschriften sind religiös begründet – und doch auch Zeichen der rechtlichen Stellung der Frau in der jeweiligen Gesellschaft. In dem Maße, in dem sich Frauen von (Religions-) Staats wegen verhüllen und damit unsichtbar machen müssen, wird ihnen oft auch das Recht auf freie Berufswahl, auf ungehinderten Zugang des öffentlichen Raumes, Bildung und politische Teilhabe genommen. Frauen wie Fereshta Ludin, die trotz Kopftuch all diese Rechte haben und nutzen, sind international die absolute Ausnahme – nicht die Regel.“

Fazit

Das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit sollen der Staat, aber auch seine BürgerInnen schützen und respektieren. Dabei ist allerdings die staatliche Religionslosigkeit ebenso zu respektieren und zu wahren, wie das Wohlergehen eines jeden Kindes. Sowohl Diskriminierungen von Kopftuch-tragenden Frauen durch die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft als auch der Zwang zum Kopftuch in konservativen Flügeln der muslimischen Communitys, sind zu unterbinden und im Notfall strafrechtlich zu verfolgen. Auch hier sollte das Prinzip lauten: Wagen wir mehr Säkularismus!

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle