Archiv der Kategorie 'Pädagogik'

Plädoyer für den Ethik-Unterricht

Konfessionsgebundene, religiöse Bildung sollte nicht Aufgabe eines Staates sein, der sich selber religionslos definiert.

„Der Staat ist Heimstatt aller Bürgerinnen und Bürger und darf sich von Verfassungs wegen nicht mit einer bestimmten Religion identifizieren.“

Nicht umsonst ist dieser Satz im Neutralitätsgebot der deutschen Verfassung manifestiert. Wobei ich das Wort „neutral“ in diesem Zusammenhang kritisch sehe. Man kann in der Interpretation von einem „religionsfreundlichen“ Verständnis der Neutralität sprechen, das sich aber klar vom Laizismus-Verständnis Frankreichs unterscheidet.

„Staat und Religionsgemeinschaften sind sich demnach wechselseitig zugewandt, wovon etwa der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen (Art. 7 Abs. 3 GG) oder der öffentlich-rechtliche Status von Religionsgemeinschaften (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 5 und 6 WRV) zeugen.“ BpB – Religionsfreiheit oder Neutralitätsgebot?

Inwiefern der deutsche Staat im Moment der Kooperation mit einer Religionsgemeinschaft noch neutral agiert, erschließt sich mir dabei nicht wirklich. Daher ziehe ich das Wort religionslos bei der Definition des Staates vor.

Die Probleme, die sich aus dieser Kooperation für den Staat ergeben, sind weitreichend und widersprechen mitunter seinem humanistischen Selbstverständnis, das auf Grundlage der Aufklärung und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, in staatlichen Institutionen etabliert sein sollte. So kann die Kirche beispielsweise einem katholischen Religionslehrer weiterhin die Lehrerlaubnis entziehen, wenn dessen Ehe in die Brüche geht und er erneut heiraten möchte. Im Falle des islamischen Religionsunterrichtes war es bis Anfang 2017 sogar dem türkisch-islamischen Dachverband DITIB erlaubt, an Inhalten des staatlichen Religionsunterrichtes in NRW mitzuarbeiten und an Lehrpersonal eine Lehrerlaubnis auszustellen. Erst nach den Spitzelvorwürfen gegen einige DITIB-Imame, ließ DITIB seinen Sitz im entsprechenden Beirat selber ruhen. Eine Organisation, die finanziell als auch ideologisch durch die islamistisch-nationalistische AKP in der Türkei kontrolliert wird.

Die angeführten Beispiele sind Paradebeispiele dafür, was passieren kann, wenn der Staat sich auf eine „religionsfreundliche“ Kooperation mit religiösen Vertretern in staatlichen Schulen einlässt. Die Gehälter der ReligionslehrerInnen werden dazu durch den staatlichen Steuertopf finanziert und belaufen sich inzwischen auf ca. 1,6 Milliarden Euro. (Vgl. Einzelheiten und Berechnungen in Carsten Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert. Aschaffenburg 2010.)

Da der Staat sich als religionslos definiert, darf und will er natürlich nicht definieren welche Glaubenslehren „richtig“ oder „falsch“ sind. Diese Aufgabe kommt dann in der Kooperation der jeweiligen Religionsgemeinschaft laut Verfassung zu, wobei DITIB pikanterweise bis dato nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Und gerade hier lauert das nächste Problem:

Wer definiert wo, wie und aus welchem Grund, welche Glaubenslehre „richtig“ oder „falsch“ ist? Welchen Platz nehmen Kritik und Zweifel in diesem Kontext ein, die im Selbstverständnis von Humanismus und Aufklärung maßgeblich sind?

Ehe man sich versieht, betritt der religionslose Staat das Feld der religiösen Dogmen und entfernt sich von seinem Grundsatz, dass staatliche Schulen zentral ein Ort des Wissens sein sollten, in denen Kritik, Zweifel und unangenehme Fragen als Teil der intellektuellen Reibung den gesellschaftlichen Fortschritt gewährleisten.
Was passiert, wenn eine Schülerin oder ein Schüler den Propheten Mohammed nicht als unfehlbares Vorbild für alle Zeiten anerkennen will, anders als dieser im gängigen Mainstream-Islamverständnis verstanden wird? Was passiert, wenn sich SchülerInnen gar von Teilen der Glaubenslehre im Unterricht offen distanzieren oder sie als „unwahr“ einstufen. Bei diesen Frage enstehen alleine in den muslimischen Communitys hochbrisante Konfrontationen zwischen liberalen und konservativen Musliminnen und Muslimen, ganz zu schweigen von der Rolle salafistischer Milieus, die bei solchen Fragen nicht selten mit Gewaltaufrufen und anderen Gesetzeswidrigkeiten antworten.

Diese Probleme können in einer Kooperation mit diversen Religionsgemeinschaften nicht an staatlichen Schulen geklärt werden und sollen es auch nicht. Denn die Problematik würde am Ende eine Instanz erfordern, die dann wiederum festlegt, was „richtig“ und was „falsch“ ist, womit sich Kritik, Zweifel und der Geist der Aufklärung unserer Verfassung verabschiedet hätten. Eine Verfassung, die verschiedene „Wahrheiten“ nebeneinander gleichberechtigt existieren lässt und sich davor hütet, eine Instanz der Dogmen zu sein.
Wozu wollen wir weiterhin junge Menschen schon symbolisch ab der Grundschule trennen und in verschiedene konfessionsgebundene Religionsunterrichte schicken? Hier wird meiner Meinung nach, eine geistige Grenze zwischen jungen Menschen aufgebaut, die sich in der weiteren Sozialisation manifestiert.

Religion ist ein wichtiger Bestandteil unserer Bildung, das will ich nicht bestreiten. Und das auch nicht erst, seitdem VertreterInnen islamischer Communitys in Deutschland spürbar mehr in den Mittelpunkt rücken. Religion soll nicht pauschal verteufelt oder komplett aus dem Alltag verbannt werden. Doch der staatliche Zugang zur Religion sollte endlich ein anderer werden, indem es nicht darum geht, was als „richtig“ oder „falsch“ von irgend einer Instanz bestimmt wird, sondern wo jedem frei und individuell selbst überlassen wird, wie man glauben möchte oder nicht. Diese Freiheit sehe ich durch einen getrennten konfessionsgebundenen Religionsunterricht nicht gegeben. Wir brauchen keinen evangelischen, katholischen, islamischen und jüdischen Religionsunterricht – Wir brauchen einen Ethikunterricht, in dem alle Kinder und Jugendlichen, ungeachtet ihrer Weltanschauung, gemeinsam das Mysterium Religion erforschen können. Einen Unterricht, der verbindet, statt zu trennen. Einen Ort, an dem Gemeinsamkeiten erarbeitet & Unterschiede analysiert werden und die säkulare-humanistische Demokratie als Dach des gemeinsamen Lernens leidenschaftlich und nachhaltig vermittelt wird. Das kann man natürlich auch anders sehen, gerade mit Blick auf Art. 7 Abs. 3 des deutschen Grundgesetzes, doch stellt die demokratische Instanz, anders als einige AnhängerInnen der Religionsgemeinschaften, keinen Anspruch auf Vollkommenheit. ;)

FAZIT

Es ist Zeit für Zusammenführung. All die Grenzen und Aufteilungen innerhalb unserer Gesellschaft haben die Menschen entzweit und sollten mit Blick auf die Zukunft nicht stumpf aufrechterhalten werden. Religionsgemeinschaften haben ihren Platz in der deutschen Gesellschaft und sollten doch im Interesse aller Menschen auch darüber nachdenken, gewisse Privilegien endlich abzutreten. Ein flächendeckender Ethik- statt Religionsunterricht wäre dabei ein wichtiger Schritt zur Verbesserung.

Statement zum Thema „Kopftuch“

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, einen Anfang bei so einem komplexen Thema zu finden. Um sich dem Thema inhaltlich differenziert zu widmen, sollte man auf verschiedenen Ebenen argumentieren.

Die gesetzliche Ebene

Die allgemeine Handlungsfreiheit ist ein aus Art. 2 Abs. 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland abgeleitetes Grundrecht:

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Ein Kopftuch zu tragen, zählt zu der Entfaltung der Persönlichkeit. Wenn eine Frau ein Kopftuch tragen möchte, dann ist das ihr gutes Recht, auch im Berufsleben, an der Uni oder als Schülerin.

In einen Konflikt mit der verfassungsmäßigen Ordnung kommt sie nur, wenn sie dieses religiöse Symbol im Staatsdienst tragen möchte. Da sich der Staat aus gutem Grunde und der Erfahrung aus der Geschichte, heute religionslos definiert, muss seine Verkörperung, die Staatsdienerin oder der Staatsdiener, demnach ohne ein religiöses Symbol auftreten. Somit sollte es ihm/ihr nicht gestattet sein, z.B. ein Kreuz, eine Kippa oder eben ein Kopftuch im Staatsdienst zu tragen.

„Der Staat ist Heimstatt aller Bürgerinnen und Bürger und darf sich von Verfassungs wegen nicht mit einer bestimmten Religion identifizieren.“

Die Verbannung ALLER religiösen Symbole aus Gerichten, staatlichen Schulen und einem Großteil des staatlichen Dienstes ist für mich die logische Konsequenz. Verhandlungsspielräume schließe ich hier aber nicht aus, z.B. im Verwaltungsbereich.

Mein persönliches Empfinden

Ich „bewerte“ Menschen individuell nach ihrem Charakter, ihren Worten und Taten. Ehrlichkeit, Loyalität, Menschlichkeit, Herzlichkeit, Zuverlässigkeit, Humor, Respekt, Mut und Einsatzbereitschaft sind für mich Eigenschaften, auf die sich mein Blick beim Menschen vordergründig richtet. Sie sind zentral in dem Moment, in dem ich entscheide, ob ich näheren Kontakt zu einem Menschen haben möchte oder nicht. Das Kopftuch ist daher in diesem speziellen Bereich erstmal von keiner großen Bedeutung für mich.

Die religiöse Komponente

Ich bin kein Theologe und habe hierzu nur eine Laien-Meinung. Meiner Recherche nach gibt es im Koran keine eindeutige Anweisung zum Tragen eines Kopftuches. Islamische Gelehrte (natürlich Männer) interpretieren seit Jahrhunderten die Suren 24, 31 / 33, 59 & 33, 53. In den Suren geht es u.a. darum, dass Frauen wohl eine Art Schal (himar) tragen sollen, der ihren Schmuck verdeckt. Schmuck lässt sich in einem großen Spektrum interpretieren und wird in der Sure nicht genau definiert. Des Weiteren wird von einem „Übergewand“ gesprochen, damit Frauen nicht erkannt und entführt werden können, was in der Zeit Mohammeds wohl ein großes Problem darstellte. Die dritte Sure bezieht sich konkret auf die Frauen des Propheten, die sich bei Besuch im Hause hinter einem „Hidschāb“ aufhalten sollten. Hidschāb wird heute sowohl als Kopftuch interpretiert als auch als eine Art Trennwand, hinter die die Frauen des Propheten bei einem männlichen Besuch im Haus gingen. Zusammenfassend bietet keiner der drei in Frage kommenden Koranverse einen eindeutigen (!) Anhaltspunkt, dass Frauen ein Kopftuch oder einen gesichtsverhüllenden Schleier tragen sollen, jedoch beharren viele klassische Koraninterpreten darauf, dass es eine religiöse Pflicht für Musliminnen zum Tragen eines Kopftuches oder einer anderen Verschleierung (Hidschab) gebe.

Da ich nicht vom Fach bin, wird man meine These wahrscheinlich argumentativ widerlegen können. Dafür bin ich offen.

Die pädagogische Ebene

Vorab: Die erz-konservativen und leider auch einflussreichsten Teile der muslimischen Communitys tun zu wenig im Kampf gegen den nicht selten enormen sozialen Druck in ihren Reihen, der viele junge muslimische Mädchen nicht in die Lage versetzt, vollkommen frei zu entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. Hier spreche ich aus Erfahrung als Erzieher und Betreuer in Integrationsgruppen.

Ein 11-, 12- oder 13-jähriges Mädchen wird sehr selten in der Lage sein, sich ein umfangreiches und differenziertes Bild auf psychologischer, sozialer, sexueller, philosophischer und religiöser Ebene zu machen, wenn es darum geht, ob sie ein Kopftuch tragen will oder nicht.

Bei dem Kopftuch geht in vielen Fällen auch darum, dass die Frau dem Mann keinen Anreiz geben möchte, dass dieser die Kontrolle über seine natürlichen sexuellen Instinkte verliert, durch den Anblick des weiblichen Körpers, der Haare und anderen äußerlichen Merkmalen. Das setzt ein Männerbild voraus, das ich persönlich als hochgradig diskriminierend empfinde, da der Mann hier als Tier verstanden wird, das über jede Frau herfällt, die ein bisschen von ihrem Körper oder Haar zeigt. 12-jährige Mädchen haben in der Regel in diesem Alter noch keine oder sehr wenig sexuelle Erfahrungen gesammelt, demnach kommt dieses Männer- und Sexualbild wohl eher von der Familie, dem Umfeld oder anderen Bezugspersonen. Ich nenne das Indoktrination.

Auch die theologische Einordnung der entsprechenden Suren, besonders in ihrem sozialen Kontext, kann kaum von einem 12-jährigen Mädchen erbracht werden. Dazu gehören Lebenserfahrung und ein differenzierter Einblick in die religiösen Quellen. In diesem Zusammenhang geht es auch um philosophische Fragen, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen. Meiner Erfahrung nach ist ein so junges Mädchen nicht im vollen Umfang dazu im Stande und daher bestreite ich die Behauptung, dass ein Großteil der Mädchen unter 16 Jahren, ein Kopftuch aus freier Entscheidung und ohne Druck durch das soziale Umfeld tragen. Auf Statistiken kann ich mich dabei nicht stützen, es bleibt mein individuelles Gefühl und meine subjektive Erfahrung, also eine These.

Frauen ab dem 16. Lebensjahr sehe ich durchaus im Stande, die genannten Fragen für sich differenziert beantworten zu können. Wenn eine Frau sich demnach frei entscheidet, ist ihre Entscheidung durch das deutsche Grundgesetz gedeckt, es ist ihr gutes Recht und ich werde mich tunlichst zurückhalten, mir darüber ein Urteil zu bilden. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist ein hohes Gut unserer Gesellschaft.

Das Kopftuch als politisches Symbol

Hierzu habe ich ein differenziertes Statement der Grünen Jugend gefunden, das auch meine Meinung relativ gut auf den Punkt bringt:

„Gerade in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung ist die politische Bedeutung des Kopftuchs unbestreitbar. Es wurde -teilweise- verboten, wenn der Bruch mit gottesstaatlicher Tradition demonstriert werden sollte, und als Bekleidungsvorschrift (wieder) eingeführt, wenn eben dieser „Gottesstaat“ zum Leben erwachte. Das Kopftuch ist dabei, in der Form wie Ferestha Ludin es trägt, die mit westlichem Kleidungsverständnis noch am ehesten nachvollziehbare Verhüllung. Sie findet ihre ausgeprägteren Formen dort, wo außer den Haaren auch die Hände, der Mund oder eben das ganze Gesicht bedeckt werden müssen. Alle diese Bekleidungsvorschriften sind religiös begründet – und doch auch Zeichen der rechtlichen Stellung der Frau in der jeweiligen Gesellschaft. In dem Maße, in dem sich Frauen von (Religions-) Staats wegen verhüllen und damit unsichtbar machen müssen, wird ihnen oft auch das Recht auf freie Berufswahl, auf ungehinderten Zugang des öffentlichen Raumes, Bildung und politische Teilhabe genommen. Frauen wie Fereshta Ludin, die trotz Kopftuch all diese Rechte haben und nutzen, sind international die absolute Ausnahme – nicht die Regel.“

Fazit

Das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit sollen der Staat, aber auch seine BürgerInnen schützen und respektieren. Dabei ist allerdings die staatliche Religionslosigkeit ebenso zu respektieren und zu wahren, wie das Wohlergehen eines jeden Kindes. Sowohl Diskriminierungen von Kopftuch-tragenden Frauen durch die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft als auch der Zwang zum Kopftuch in konservativen Flügeln der muslimischen Communitys, sind zu unterbinden und im Notfall strafrechtlich zu verfolgen. Auch hier sollte das Prinzip lauten: Wagen wir mehr Säkularismus!

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle