Das „Sowohl-als-auch-Prinzip“

Das linke britische Online-Magazin sp!ked hat am 7. Dezember 2018 einen Artikel veröffentlicht, in dem man dem Sportartikelhersteller Nike Heuchelei vorwirft, weil Nike den NFL-Spieler Colin Kaepernick unterstützt, der gegen Rassismus und Polizeigewalt protestiert, während man NBA-Spieler Enes Kanter, einen Anhänger der türkischen Gülen-Bewegung, diese Solidarität nicht zukommen lässt.

„Ich habe mit Nike gesprochen und sie sagten, dass sie mir gerne einen Vertrag geben wollen, dieses aber nicht tun können, weil die türkische Regierung dann jeden Nike-Laden in der Türkei schließt. Ich bin ein NBA-Spieler ohne Schuh Deal. Ich habe kein Übernahmeangebot. Und ich spiele in New York.“ Enes Kanter

Das spiked-Magazin hat Recht, wenn es hier die Heuchelei eines kapitalistischen Imperiums anprangert. Natürlich geht es Nike in erster Linie um das Geschäft. Man wird sich in der Zentrale in Beaverton frühzeitig einen Plan zurecht gelegt haben, wie man aus dem Schulterschluß mit dem farbigen NFL-Spieler Kaepernick, der als eine Art „David“ gegen den „Goliath“ im Weißen Haus zu Kreuze zieht, Profit schlagen kann.

Spiegel Online schrieb Ende September 2018 dazu:

„Nike macht mit seinem jüngsten Werbespot Furore. Star der Kampagne ist der kontroverse Footballer Colin Kaepernick. Der Sportartikelkonzern setzt darauf, dass die Rassismus-Debatte seine Kassen füllt. Es könnte klappen.“

Dass es hier nicht um soziale Wärme oder gar Gerechtigkeit geht, zeigt der Fall „Enes Kanter“ eindrücklich.

Während das sp!ked-Magazin Nike zurecht kritisiert, verschweigt es aber, dass die Gülen-Bewegung, der Kanter anhängt, eine islamistische Bewegung ist. Um das ideologische Fundament dieser Bewegung einordnen zu können, sollte man Zitate des Gründers der Bewegung, Fethullah Gülen, kennen:

„Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen und von der Wahrheit, von Koran und Hadith, wegführen, sind sie fehlerhaft. Selbst zweifelsfrei etablierte wissenschaftliche Fakten können nicht die Säulen sein, auf denen die Wahrheit des Iman (Glauben) ruhen.“ Aslan, Bozay – Graue Wölfe heulen wieder; S. 217

„Die Apostasie wird nach dem islamischen Gesetz von den meisten Staaten und allen Streitkräften genauso hart beurteilt wie der (Landes)verrat. Man muss hoffen, durch Flehen, Beten, Überzeugen und durch alle anderen legitimen Mittel verhindern zu können, dass ein solches Verbrechen publik wird und der Gesellschaft schadet. Diejenigen, die diesen Weg weiter verfolgen, müssen dazu eingeladen werden, die Schwere ihrer Handlungen zu überdenken und zu bereuen. Und wenn sie diese Möglichkeit zurückweisen, ist die Todesstrafe angemessen.“ Fethullah Gülen – Dinde Zorlama Yoktur Âyetini İzah Eder misiniz

Der Bruch zwischen den beiden islamistischen Bewegungen der AKP und den Gefolgsleuten von Gülen war kein ideologischer Bruch. Als Anwälte, die der Gülen-Bewegung zugerechnet werden, 2013 gegen Erdogan wegen Korruptionsvorwürfen zu ermitteln begannen, hatte die AKP-Spitze schlichtweg Angst um ihre Macht.

Dass die Gülen-Bewegung schon lange vor Erdogan als „Staat im Staate“ wahrgenommen wurde, hatte damit vorerst wenig zu tun, denn diese Kraft hinter den Kulissen hatte Erdogan einst an die Macht gebracht. Aber wie es in jeder Diktatur üblich ist, fallen irgendwann auch die engsten Vertrauten dem System zum Opfer.

Dass man nun mit Enes Kanter, den Anhänger einer islamistischen Bewegung als eine Art Widerstandskämpfer für die Freiheit verklärt, zeigt, dass viele Medienhäuser in der westlichen Hemisphäre auch nach all den Jahren nichts dazu gelernt haben. Es liegt wohl in der Sozialisation vieler Menschen begründet, dass man sich mit dem augenscheinlich Unterlegenden gegen „die da oben“ solidarisiert. Das muss nicht negativ sein, ganz im Gegenteil.

Wenn sich aber eine Basis hinter einer Einzelpersonen versammelt und diese aufwertet, sollte man sich zumindest darüber im Klaren sein, für welche Standpunkte sie steht. Nur „klein und unterdrückt“ kann nicht als Referenzrahmen ausreichen. Auch unterdrückte Menschen können für sich Standpunkte vertreten, die wiederum eine andere Gruppe in ihrem elementaren Menschenrechten bedrohen.

Als 2012 die islamistische Muslimbruderschaft in Ägypten durch die Militärjunta gestürzt wurde, gab es vielfach Solidaritätsbekundungen von Aktivist*innen der linken Bewegung mit den Islamist*innen in Nordafrika. Die Frage stand schon damals im Raum, warum man als klar denkender Mensch nicht sowohl die Islamist*innen als auch die Militärjunta ablehnen konnte. Warum sich auf eine Seite schlagen, wenn doch beide Seiten grundlegenden Prinzipien der Menschenrechte widersprechen?

Genauso verhält es sich bei bei der Kritik des sp!ked-Magazins. Es ist richtig, eine progressive Kapitalismuskritik zu üben. Sich dafür aber absolut unkritisch an die Seite eines Anhängers einer islamistischen Bewegung zu stellen, halte ich für kontraproduktiv. Sowohl Kapitalismuskritik als auch die Kritik an klerikal-faschistischen Ideologien können in einem gut recherchierten Artikel Platz finden. Diese Chance hat man bei sp!ked verpasst.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle


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