Das schwierige Verhältnis der ZEIT zum Islamismus

Einen Tag nachdem der Islamist Erdoğan seine Anhänger*innen in Berlin mit dem Handzeichen der Muslimbruderschaft begrüßt hat, teilt ZEIT ONLINE auf ihrer Facebook-Präsenz einen Artikel aus dem Jahr 2015, in dem der Autor, Tahir Chaudhry, den IS als „antiislamisch“ entlarven wollte.

Bei seiner einseitigen Darstellung stellt Chaudhry die These auf, dass „der Islam keine Aufklärung brauche, aber einen Reformator“.
Da Chaudhry der Ahmadiyya-Gemeinde angehört, ist diese Forderung nicht weiter überraschend. Genauso wenig wie der Fakt, dass Ahmadiyyas bis heute eine rigide Geschlechtertrennung und Homophobie propagieren, was wichtig für die Einschätzung des ideologischen Backrounds des Autors ist.

Warum die ZEIT gerade jetzt einen verstaubten Beitrag aus 2015 heraussucht, ist mir schleierhaft. Mit den Arbeiten von Prof. Dr. Khorchide sind wir diesbezüglich heute durchweg weiter.
Ad absurdum führt sich Chaudhry zudem selber, wenn er behauptet, dass pauschal „eine Trennung von Staat und Religion im Islam vorgesehen sei“. Dabei scheint für ihn festzustehen, dass es nur ein legitimes Islamverständnis gibt.

Das heißt im Umkehrschluss, dass die überwiegende Mehrheit der islamischen Gelehrten falsch liegt, die theologisch fundiert begründen kann, dass gerade innerhalb der islamischen Frühgeschichte in Medina, der Prophet ein System einführte, indem er eben nicht nur geistlicher Führer war, sondern ebenso militärischer, juristischer als auch politischer.

Fragwürdig geht es weiter, wenn Chaudhry behauptet, dass der Prophet nicht nur mit Jüdinnen und Juden und Christ*innen die sogenannte „Charta von Medina“ aufstellte, sondern auch mit Polytheist*innen. Der weltweit anerkannte Islamwissenschaftler William Montgomery Watt schrieb 1956 in seinem Buch „Muḥammad at Medina“ hingegen, dass „Polytheisten von den Verträgen ausdrücklich ausgeschlossen waren“. Watts Bücher gehören heute zu den Standardwerken der Islamwissenschaft.

Feststeht einzig, dass man heute nicht genau weiß, wie die in der islamischen Historiographie erwähnten Verträge mit Andersgläubigen in und um Medina im Einzelnen abgefasst waren, da die betreffenden Vertragsbedingungen recht unterschiedlich überliefert worden sind. Dieser Punkt zeigt exemplarisch, welche Beliebigkeit islamische Schriften mit sich bringen. Ich könnte mich hier stundenlang mit jeder einzelnen Behauptung des Autors auseinandersetzen, wir würden keinen Schritt vorankommen.

Für jedes im Artikel genannte Zitat wird sich ohne Probleme in den kanonischen Quellen, Koran und Sunna, ein Zitat finden lassen, das genau das Gegenteil unterstreicht. Die kanonischen Quellen bieten sowohl für Krieg, Terror und Verstümmelung als auch Frieden, Barmherzigkeit und Ausgleich Anknüpfungspunkte, die durch die entsprechende Leseart auch fundiert legitimiert werden können.

Zum theologischen Unterbau des IS schrieb der Islamwissenschaftler Dr. Abdel-Hakim Ourghi 2015:

„Der militante Islamismus beruft sich auf eine fundierte Theologie, die vor allem bis zum 14. Jahrhundert entstand, es handelt sich dabei allerdings um vormoderne Gesellschaften mit gänzlich anderen Loyalitäten.“

Glaubt man hingegen dem ZEIT-Artikel, dann haben Sayyid Qutb, Yusuf al-Qaradawi oder sogar Abdallāh ibn ʿAbbās, ein Salaf, Cousin des Propheten und anerkannter Exeget, „den“ Islam nicht verstanden. Aufgrund seiner großen Bedeutung als religiöse Autorität hat ʿAbbās den Beinamen ḥabr al-umma („Gelehrter der Umma“) erhalten. Der IS beruft sich bei der Exekution von Homosexuellen explizit auf Schriften ʿAbbās, der detailliert darlegte, dass man Homosexuelle kopfüber vom höchsten Punkt einer Ortschaft werfen sollte. Ich erspare den Lesenden hier die Bilder aus dem Irak und der Levante.

Nicht nur daran sieht man, dass es menschenrechtsfeindliche Islamverständnisse gibt, die leider ebenso wie moderate Auslegungen, fundiert argumentiert werden können. Es gibt in der islamischen Welt schlichtweg keine islamische Instanz, die festlegt, was nun „der eine“ richtige Islam ist. Demnach kann Islam sowohl Barmherzigkeit als auch Terror sein.

Islamverständnissen in diesem Kontext die Notwendigkeit der Aufklärung abzusprechen, spielt dem Islamismus indirekt in die Karten. Weder der Prophet noch die kanonischen Quellen sind unfehlbar. Wer im 21. Jahrhundert eine Religion vor Kritik beschützen will, wird zwangsläufig mit der Moderne in Reibung kommen. Dabei entstehen nicht nur Gegengesellschaften, sondern eine Ideologie, die immer mehr politisch als spirituell agiert. Es sollte klar sein: Es gibt keinen Islamismus ohne Islam.

Der Islamwissenschaftler Aladdin Sarhan schrieb dazu ein Statement, das ich in vollem Umfang unterstütze:

„Das Ziel sollte sein, den Islam mit der Moderne zu versöhnen und den Islamisten die religiösen Legitimationsgrundlagen des Handelns zu entziehen. Konfliktbeladene Inhalte, Traditionen, Lehrmeinungen oder Auslegungen sakraler Texte sollten historisiert, kontextualisiert und zugunsten des (gesellschaftlichen) Friedens außer Kraft gesetzt werden. Nicht die Religiosität, sondern die Menschlichkeit sollte das Maß der Dinge sein.“

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle


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