Frauen sind im Islamismus auch Täterinnen

Spricht man über die Welt des Islamismus, bewegt man sich zwangsläufig in einer Welt der Männer. Das Patriarchat überschattet ganze Gesellschaften, in denen bereits die Jüngsten in vielen Familien zu heroischen Anführern, mitunter Märtyrern erzogen werden. Genauso wie der Faschismus betont der Islamismus konservative und traditionelle Geschlechtsrollen. Der Machismo prägt dabei die Kindererziehung. Doch wer erzieht in islamistischen Familien die Kinder? Männer findet man hier eher selten.

Seit Anfang der 2000er Jahre diskutieren Feministinnen wie Sineb El-Masrar oder Güner Yasemin Balcı verstärkt über die Rolle vieler Frauen in islamistischen Milieus. Das Bild einer unterdrückten Frau, die einzig als Opfer beschrieben wird, hat sich auffallend verändert. Denn immer mehr Frauen treten weltweit offen und leidenschaftlich für frauenfeindliche islamistische Strukturen auf und betonen in diesen ihre individuelle Selbstverwirklichung. Die Demokratie im Westen sieht sich hier nicht das erste Mal einem Paradoxon gegenüber, das nur schwer greifbar erscheint.

Da Frauen in islamistischen Milieus in der Regel nur die Rolle der Mutter und Hauswirtschafterin zugeschrieben wird, sehen viele in einem öffentlichen Bekenntnis zum Islamismus, die Möglichkeit Ansehen und Geltung zu erlangen, was eng mit dem Wunsch nach politischer und sozialer Partizipation verknüpft ist. Bei der Wahl zwischen einer gesichtslosen Ehefrau und einer renommierten Aktivistin, entscheiden sich logischerweise nicht wenige Frauen für ein Leben im Rampenlicht. In diesem steht heute die amerikanische Aktivistin Linda Sarsour, die die Einführung von Elementen der Scharia als „vernünftig“ beschreibt und Erdogans Türkei als „große Demokratie“ lobpreist. Wo man im ersten Moment von Satire ausgeht, schreibt die Realität ihr eigenes Kapitel. Denn Sarsour hat sich zu einer einflussreichen Aktivistin in den USA entwickelt, die 2017 durch die amerikanische Mode- und Frauenzeitschrift „Glamour“ zur „Frau des Jahres“ gekürt wurde.

Auffällig in islamistischen Familien ist auch, dass viele der Mütter besonders streng gegenüber ihren Töchtern auftreten. Dabei spielt Unfreiheit und Unterdrückung, die diese Frauen in der eigenen Familienbiografie erlitten haben, eine entscheidende Rolle. Islamistische Strukturen versuchen systematisch junge Mädchen spätestens ab der Pubertät mental zu brechen, um so kommende Mütter zu sozialisieren, die das System nicht mehr hinterfragen und sich fügen. Eine Zuwiderhandlung bedeutet in einem Großteil dieser Familien Verstoßung oder Ehrenmord. Ein System der ständigen Überwachung und Kontrolle, das durch männliche Familienmitglieder garantiert wird.

Frauen, die Derartiges erlebt haben, neigen mitunter dazu, ihren Töchtern Freiheiten zu verwehren, die auch ihnen genommen wurden. Ihr Trauma lässt sie selber zu Täterinnen werden, die einen überirdischen Sinn ihres Martyriums suchen, um ungelöste Fragen annehmbar für sich beantworten zu können. Würde man den Kindern die Errungenschaften westlicher Demokratien zu Hause aufzeigen, könnten konservative Familienstrukturen kritisiert und aufgebrochen werden. Der ultimative Alptraum des Islamismus.

Das islamistische Milieu beheimatet heute auch türkische Ultranationalist*innen der Grauen Wölfe-Bewegung, die sich spürbar seit den 1980er Jahren islamisiert hat. Zu der Rolle der Frau innerhalb dieser Strukturen hat die Sozialwissenschaftlerin Lena Wiese geforscht:

„Die meisten der von mir interviewten Frauen gaben an, dass bereits ihre Familien und insbesondere ihre Väter oder Onkel bei den Grauen Wölfen politisch aktiv waren. Und häufig ist diese familiäre Prägung auch die Ursache für den Erstkontakt der Frauen mit ultranationalistischen Ideologien. Die Familie ist dabei die Instanz, in der die patriarchalen und autoritären Strukturen vor allem durch die Erziehungsarbeit der Mütter reproduziert und verhandelt werden. Dadurch sind Frauen nicht nur Opfer dieser Verhältnisse, sondern sie reproduzieren und stabilisieren die Hierarchisierung der Geschlechter durch die Weitergabe der konservativen, ultranationalistischen Werte. Die Machtverhältnisse werden so über die Generationen weitergegeben und finden ihre Entsprechung in der ultranationalistischen Ideologie.“ […] „Die freiwillige Unterwerfung unter Personen, Kollektive oder Ideale und somit auch eine grundsätzliche Akzeptanz von Autorität und Unterordnung wird in den verschiedenen Sozialisationsinstanzen vermittelt. Auch wenn die Frauen nicht zwangsläufig den ultranationalistischen Ideologien ihrer Familien folgen müssen, bietet der Autoritarismus sowohl Frauen als auch Männern Zustimmung und Anerkennung in rechtsextremen Gruppen.“
Lena Wiese – Frauen in ultranationalistischen türkischen Szenen

Als der Hitlerverehrer und Vordenker der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb, 1962 in Ägypten im Gefängnis saß, erreichten Abschnitte seines Buches „Meilensteine“ durch eine gewisse Zainab al-Ghazali die Aussenwelt, wobei das Buch Jahre später zum größten Einfluss islamistischer Terrororganisationen wurde. Al-Ghazli kam aus einem wohlhabenden Elternhaus und gründete die „Gemeinschaft der muslimischen Damen“, eine Art Frauenabteilung der Muslimbruderschaft.

Sie gilt heute als die Frau mit dem größten Einfluss auf die Bruderschaft und starb 2005 als Ikone des Islamismus – geachtet und respektiert durch viele Männer und Frauen in der islamischen Welt.
Bis zum letzten Atemzug verachtete sie den Feminismus des Westens, hielt ihr Islamverständnis für ein überlegendes und in sich geschlossenes Weltbild und hetzte nachdrücklich gegen jedes Mehrparteiensystem.

Im Kampf gegen den Islamismus werden wir in Zukunft nicht umhinkommen, differenziert und kritisch die Rolle der Frau zu analysieren. Auch hier gilt ebenso wie bei Muslim*innen per se, dass Frauen keine „Kuscheltiere“ sind, die vor Kritik beschützt werden müssen. Zu bevorzugen ist eine derartige Kritik natürlich von Frauen selber. Da der Islamismus in Deutschland aber oftmals noch unbekanntes Terrain ist, habe ich versucht mit diesem Text einen Impuls für eine weitere differenzierte Forschung bezüglich der Geschlechterrollen im Islamismus zu setzen.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle


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