Manche Sachen lassen sich nicht vom Tisch wischen

Es lässt tief blicken, dass einige Journalist*innen nach dem Foto-Skandal der deutschen Nationalspieler Özil und Gündoğan der Meinung sind, dass die beiden Fußballstars während der WM-Vorbereitung nur ausgepfiffen würden, weil ihre Eltern aus der Türkei stammen. Einzig der Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft spiegele sich hier wieder. Thema beendet.

Natürlich sind Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in deutschen Fußballstadien ein Dauerthema. Aber damit die eigentliche Kritik abwürgen zu wollen, bringt diese Gesellschaft kein Stück weiter.
Mesut Özil und besonders İlkay Gündoğan haben in einer internationalen Presseaktion dem islamistischen, antisemitischen Klerikal-Faschisten Recep Tayyip Erdoğan gehuldigt. Dabei hat Gündoğan ein Trikot mit der Widmung „Für meinen verehrten Präsidenten – hochachtungsvoll“ überreicht, was in Wahlkampfzeiten natürlich unmittelbar durch die faschistische AKP medienwirksam ausgeschlachtet wurde.

Dass jetzt, wo die Stimmung der gesamten Mannschaft unter dem Skandal leidet, ein Oliver Bierhoff sich genötigt sieht, darauf hinzuweisen, dass es mit Kritik und Gegenwind nun reiche, zeigt einzig nur, dass die Verantwortlichen des DFBs sich nicht darüber im Klaren sind, welche politische Verantwortung sie inne haben. Für viele Menschen ist der Fotoskandal eben mehr als eine Anekdote ihres Alltags. Hier zeigt sich ungeschnitten, dass die Sympathie für eine islamistische Partei in der Türkei durchweg von arm bis reich getragen wird. Von Strassenpöblern wie Bilgili Üretmen bis hin zu einem eloquenten und freundlich auftretenden İlkay Gündoğan.

Hätte es keine derartige Reaktion der Fußballfans gegeben, wäre das Thema ohne großes Tamtam vom Tisch gewischt worden. Legendär ist dabei jetzt schon die rassistische Aussage Bierhoffs, dass man in solchen Situationen Verständnis haben müsse, da „Türken ja so ticken“. Über diesen Rassismus, den Ahmad Mansour einst den „positiven Rassismus“ nannte, lese ich aber wenig kritisches. Vielmehr wirken die Reaktionen des DFBs und einiger Journalist*innen auf mich, als ob man es sich sehr einfach machen will, indem man der Mehrheitsgesellschaft die Schuld zu schiebt. Diese redet mit Sicherheit wenig über die diktatorischen Zustände im WM-Land Russland, das kann man ihr zum Vorwurf machen. Sie hat sich aber eben nicht mit Trikotwidmung an die Seite eines Islamisten gestellt, in dessen Land die Städte Andersdenkender so aussehen:

Ich stelle mir fiktional eine ganz einfache Frage:
Wie hätte die Öffentlichkeit reagiert, wenn Thomas Müller und Manuel Neuer das gleiche Foto mit Alexander Gauland veröffentlicht hätten, wobei Müller ein Trikot mit der Widmung „Für meinen verehrten Fraktionsvorsitzenden – hochachtungsvoll“ überreicht hätte?

Vielleicht bräuchten auch deutsche Politiker*innen, bevor sie nach Teheran, Ankara oder Riad reisen, eine ähnliche Reaktion, wie wir sie in den Fußballstadien vernommen haben. Der Kampf gegen den Faschismus und Islamismus bringt Tage mit sich, die mehr als weh tun. Fortschritt speist sich auch aus emotionaler Reibung, wobei es Probleme gibt, die man schlichtweg nicht innerhalb weniger Stunden vom Tisch wischen kann. Die Diskriminierung des kurdischstämmigen Fußballspielers Deniz Naki durch den türkischen Fußballverband, zeigt uns allen, wie politisch auch Sport ist. Wenn wir wegschauen und Probleme übergehen wollen, brauchen wir keinen antifaschistischen Kampf zu führen und können ab morgen eine Kissenschlacht mit Blumenbettwäsche veranstalten.

Solidarische Grüße an Deniz Naki
Schmalle


1 Antwort auf „Manche Sachen lassen sich nicht vom Tisch wischen“


  1. 1 Ron 18. Juni 2018 um 18:17 Uhr

    Gut gebrüllt, Löwe… äh Schmalle!

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