Bin Laden, Sayyid Qutb & Trotzki

Von 1968 bis 1976 besuchte Osama bin Laden die Al-Thagr-Schule in Dschidda (Saudi-Arabien), wo ihn ein Lehrer, der der Muslimbruderschaft angehörte, ideologisch beeinflusste und dazu bewegte, ebenfalls Teil der Bewegung zu werden. Diesen Vorgang beschreibt der amerikanische Schriftsteller Lawrence Wright in seinem Buch „Der Tod wird euch finden“. Ende der 1970er immatrikulierte sich bin Laden dann für Betriebswirtschaft und Bauingenieurwesen an der König-Abdul-Aziz-Universität. Dort stieß er auf die Werke des palästinensischen Muslimbruders Abdallah Yusuf Azzam, der zu einer Art Mentor für bin Laden wurde.

Den maßgeblichen Einfluss auf bin Ladens ideologische Radikalisierung hatten in den Folgejahren aber Inhalte, die der Bruder Sayyid Qutbs, Mohammad Qutb, an bin Ladens Universität in Vorträgen verbreitete. Mohammad Qutb verstand sich als ideologischer Nachfolger seines Bruders, der sich bis zu seiner Hinrichtung 1966, zum Vordenker der ägyptischen Muslimbruderschaft entwickelt hatte und wie kein Anderer den Islamismus des 20. Jahrhunderts prägte.

Der Blick Qutbs auf die Welt und ihre unterschiedlichen Gesellschaften wurde der Blick bin Ladens, durch den er Jahre später die Vernichtung Andersdenkender für sich und seine Gefolgsleute legitimierte.

Auch wenn die Muslimbruderschaft heute primär keine dschihadistisch-islamistische Organisation wie al-Qaida oder der IS ist, berufen sich nach wie vor TerroristInnen auf die Vordenker der Bruderschaft, Hasan al-Banna und Sayyid Qutb.

Indem Sayyid Qutb in seinen Schriften den Begriff „Dschahiliyya/Jāhiliyya“ manifestierte, der alle Gesellschaften als minderwertig und unrein beschreibt, die von einer absoluten Umsetzung der Scharia auf allen gesellschaftlichen Ebenen und Institutionen abweichen, versuchte er auch einen Erklärungsversuch für die Rückständigkeit der islamischen Welt gegenüber Europa und den USA zu liefern. Dieser Vorstellung nach, kontrolliere die Dschahiliyya die Erde in erster Linie durch eine „jüdische Weltverschwörung“, die „Atheismus, Kommunismus, Kapitalismus und sexuelle Unmoral“ erschaffen hätte und der islamischen Welt nur überlegen sei, weil zu viele „Muslime, die vom rechten Weg abwichen“ als eine Art „Agenten des Judentums“ fungierten.

Zu den wichtigsten programmatischen Texten des islamistischen Antisemitismus gehört dabei Qutbs 1950 veröffentlichter Aufsatz „Ma’rakatuna ma’ al-yahud“ (Unser Kampf mit den Juden).

In seinem Buch Maʿālim fī t-tarīq („Wegzeichen“), das wie kein anderes literarisches Werk dem Islamismus ein Gesicht gegeben hat, definiert Qutb den Islamismus als klerikal-faschistische Bewegung, die im Besitz der „einen“ Wahrheit ist:

„All die Angelegenheiten dieser Welt und der Nächsten sind auf ihr angesiedelt; der Mensch wird auf ihrer Grundlage gegenüber Allāh (ta‘ālā) verantwortlich sein und jene, die von dieser Wahrheit abweichen, werden auf ihr bestraft werden und die Menschen werden von Allāh nach ihr gerichtet werden. Wahrheit ist unteilbar, und es ist der Name dieses allgemeinen Gesetzes, das Allāh für alle Angelegenheiten verfügt hat und alles Existente, folgt ihr oder wird durch sie bestraft.“ […] „Die Wahrheit ist eine Einzige und sie ist unteilbar; alles, was davon abweicht, ist Irrtum.“ […] „Es gibt nichts jenseits des Glaubens außer Unglauben, nichts jenseits des Ìslām außer Jāhiliyya, nichts jenseits der Wahrheit außer Unwahrheit.“ […] „Er sagt, dass die Wahrheit eine ist und nicht geteilt werden kann; wenn es nicht die Wahrheit ist, muss es die Unwahrheit sein. Die Vermischung und Koexistenz der Wahrheit und der Unwahrheit ist unmöglich. Die Herrschaft gehört Allāh, oder andernfalls der Jāhiliyya; entweder wird Allāhs Sharī‘a herrschen oder die Begierden der Menschen.“ Qutb-Wegzeichen, S.85; 121; 174; 177

Wie sich das Eindringen dieser „Wahrheit“ auf die Gesellschaft auswirkt, beschreibt Qutb wie folgt:

„Die Wahrheit ist, dass der Ìslām nicht nur die Gedanken und Haltungen ändert, sondern auch das System und die Lebensweisen, die Gesetze und Bräuche. Hinzu kommt, dass dieser Wechsel so fundamental ist, dass keine Beziehung mehr mit der Lebensweise der Jāhiliyya erhalten bleiben kann, mit dem Leben, das die Menschheit heute lebt.“ Qutb-Wegzeichen: S.186,187

Dieser fundamentale Wechsel oder Umbruch zeigt den revolutionären Charakter des modernen Islamismus auf, der wohl auch durch die Wirkung der Oktoberrevolution in Russland beeinflusst wurde. Sayyid Qutb machte sich in Ägypten vor seiner Zeit als religiöser Vordenker, einen Namen als intellektueller Journalist und Literaturkritiker, nachdem er Anfang der 1930er sein Lehrerstudium erfolgreich abgeschlossen hatte. Zu dieser Zeit, in der der arabische Nationalismus im Angesicht britischer Truppen im Land erstarkte, beschäftigte sich Qutb auch ausführlich mit sozialistischen Theorien. Den Kampf gegen alles nicht-islamische (dschāhilī) beschrieb Qutb als einen andauernden Kampf, der prinzipiell, beinahe zeitlos und überall geführt werden müsse:

„Die Dschāhilīya ist keine Zeitperiode, sondern vielmehr ein Zustand, der immer dann zurückkehrt, wenn die Gesellschaft vom Weg des Islams abweicht. Das gilt in gleicher Weise für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Hasnain: Sayyid Qutb’s Concept of Jahiliyya as Metaphor for Modern Society

„Demnach ist dieser Kampf keine vorübergehende Phase, sondern ein ewiger Zustand, entsprechend der Tatsache, dass Wahrheit und Unwahrheit auf dieser Erde nicht koexistieren können.“ […] „Diese Bewegung benutzt die Methoden des Predigens und Überzeugens für das Reformieren der Gedanken und des Glaubens; sie benutzt physische Macht und Jihād für die Abschaffung der Ordnungen und Autoritäten des Systems der Jāhiliyya , das die Menschen daran hindert, ihre Ideen und Überzeugungen zu verbessern und sie zwingt ihre falschen Wege zu befolgen und sie zur Dienerschaft zu menschlichen Herren anstatt zum Allmächtigen Herrn veranlasst.“ Qutb-Wegzeichen: S.85; 71,72

Um den Antrieb zur weltweiten Revolution verstehen zu können, muss man sich darüber im Klaren sein, dass für Qutb nur ein allumfassendes „Ersetzen“ der nicht-islamischen Gesellschaft durch ihr islamisches Gegenstück in Frage kam:

„Unsere erste Aufgabe ist es, diese Jāhiliyya mit ìslāmischen Gedanken und Traditionen zu ersetzen.“ […] „Dies kann weder geschehen, indem wir einige Schritte mit der Jāhiliyya zusammen gehen, noch durch das Abtrennen der Beziehungen zu ihr und unseren Rückzug in eine separate Ecke…“ […] „Die Kluft zwischen dem Ìslām und der Jāhiliyya ist sehr groß und eine Brücke über ihr zu bauen ist nicht möglich, so dass die Menschen der zwei Seiten sich miteinander vermischen könnten, sondern allein auf die Weise, dass die Menschen der Jāhiliyya zum Ìslām kommen können, ob sie nun in einem so genannten ìslāmischen Land ansässig sind und sich selbst als Muslime betrachten oder außerhalb des ìslāmischen Landes sind.“ Qutb-Weigzeichen: S. 189,190

Die genannten Punkte sind das geistige Fundament des „ständigen Dschihads“, der unweigerlich an die Theorie der „permanenten Revolution“ von Leo Trotzki erinnert. Eine sozialistische Revolution als weltweiter, ständiger Prozess unter Führung von Arbeiterräten.
Diesbezüglich scheint es nicht weiter auffällig, dass Qutb sich auch sozialistischer Rhetorik bediente. Im Buch „Der Prophet und der Pharao“ vom französischen Islamismus-Experten Gilles Kepel, wird Qutb mit den Worten zitiert, dass „eine Avantgarde es in Angriff nehmen müsse, die Dschāhilīya, die überall auf der Welt ihre tiefen Wurzeln geschlagen habe, von innen her zu zerstören.“

Der Begriff der Avantgarde fand Einzug in die politische Sprache insbesondere von revolutionären linken Bewegungen. So verstand Lenin, und mit ihm der spätere Marxismus-Leninismus, die kommunistische Partei als „Avantgarde der Arbeiterklasse“.

Für Qutb war diese Avantgarde die Muslimbruderschaft, die eine Vorreiterrolle im Kampf für ein weltweites Kalifat einnehmen sollte.

Unter Qutbs Formulierung „Zerstörung von innen“ verstehen übrigens bis heute sogenannte „legalistische IslamistInnen“ das Unterwandern der Institutionen von nicht-islamischen Gesellschaften, um in diesen an Einfluss zu gewinnen und sie schlussendlich abzuschaffen. Ein ähnliches Szenario zeigt Michel Houellebecq in seinem Roman „Unterwerfung“. Es liegt nahe, dass Qutb auch hier durch TrotzkistInnen beeinflusst wurde, da diese die Methode des „Entrismus“ verwenden, der offenen oder verdeckten Mitarbeit in Parteien und Organisationen, um sie zu unterwandern und die eigene Ideologie durchzusetzen.

Natürlich war Qutb kein Freund des Sozialismus, ganz im Gegenteil. Genauso wie er Kapitalismus, Demokratie und Liberalismus verachtete, betrachtete er auch linke Bewegungen als verkommende, gottlose und minderwertige Konstrukte, die es zu bekämpfen und überwinden galt.
Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass einige MarxistInnen seit der Islamischen Revolution 1979 im Iran dazu neigen, IslamistInnen politisch zu unterstützen, wobei gerade Ajatollah Ruhollah Chomeini nach der Revolution zeigte, dass Linke in einem islamischen Gottesstaat relativ zeitnah exekutiert werden.

Ebenso erstaunlich finde ich es, dass eine Organisation wie marx21, die vom Verfassungsschutz als „trotzkistisch“ beschrieben wird, sich in Person von Christine Buchholz 2013 bei der 33. Jahreskonferenz der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) die Ehre gab und die islamische Organisation, die als Deutschlandvertretung der Muslimbruderschaft gilt, mit Lobeshymnen überschüttete. Dabei steht marx21 nur für die Speerspitze einer linken Bewegung, die in weiten Teilen keine Antwort auf die Islamismus-Problematik zu bieten hat, Kritik tabuisiert und teilweise den Schulterschluss mit fragwürdigen Gemeinden sucht.

Sayyid Qutb und Leo Trotzki sahen sich ähnlich leidenschaftlich im Kampf gegen den Imperialismus, das steht außer Frage. Weitere Gemeinsamkeiten wird man lange suchen müssen. Um das zu verstehen, wird die linke Bewegung wohl erst massiv auf die Nase fallen müssen, um ein wirkliches Umdenken einzuleiten.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle


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