Ein offener Brief an Lamya Kaddor

Lamya Kaddor versucht der Welt regelmäßig zu erklären, wie sie mit islamistischem Terrorismus und Extremismus umzugehen hat.
Am 14. April 2017 teilte Sie dazu einen Artikel der FAZ, in dem dargelegt wird, dass „der“ Westen mit daran schuld sei, dass sich der Islamismus in der islamischen Welt rasant verbreiten konnte. Historisch gesehen spricht der Artikel durchaus richtige Punkte an, folgt aber nicht selten „todenhöferischen“ Argumentationsmustern („Daran ist der Westen schuld“) und bezeichnet die osmanische Religionspolitik gar als „vergleichsweise tolerant“. Frau Kaddor bezeichnet den Artikel als „sehr gute Analyse“, um zu zeigen „wie der islamistische Extremismus in unsere Welt kam“.

War das System des Osmanischen Reiches nicht durch islamistischen Extremismus gekennzeichnet?

Liebe Lamya Kaddor,

was wollen Sie uns genau mit Ihrem Post und den Zitaten sagen? Verteidigen Sie indirekt das Osmanische Reich, also einen Gottesstaat?

Der Reihe nach:

Natürlich verfolgte das Osmanische Reich mit seiner religiös definierten Rechtsordnung, dem Millet-System, ein Ausbalancieren der religiösen Interessen. Interessen von Muslimen, Juden und Christen. Atheisten & Agnostiker sind in diesem System übrigens nichtig, klingt für mich persönlich auch schon recht fundamentalistisch. Nun gut…

Juden und Christen waren im Osmanischen Reich sogenannte „dhimmis“, also nicht-muslimische Schutzbefohlene, die eine Kopfsteuer (Dschizya) bezahlen mussten, nur weil sie eben Juden oder Christen waren. Im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland sind Schutzbefohlene heute Kinder & Jugendliche. Sollte man sich mal drüber Gedanken machen, wenn man sich Menschen- und Weltbilder des Osmanischen Reiches genauer anschaut. ;)

Ich frage mich, wie Sie ein System beschreiben würden, in dem Sie eine Kopfsteuer bezahlen müssten, nur weil Sie Muslima sind. Eine Kopfsteuer, die Ihnen von christlichen Herrschern aufgedrückt würde. Man würde nicht umher kommen, dieses System religiös-extremistisch zu nennen.

Islamische Gelehrte beschreiben die Dschizya wie folgt:

„Die Geldeinnahme an sich ist bei der Legitimation der Dschizya nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist vielmehr die Unterwerfung der Schutzbefohlenen (ahl al-dhimma) der Herrschaft der Muslime, in ihrem Kreis zu leben, um die Vorzüge des Islams und die Gerechtigkeit der Muslime kennenzulernen. Damit diese Vorzüge für sie überzeugende Beweise dafür sind, sich vom Unglauben (kufr) abzuwenden und den Islam anzunehmen.“ (al-mausuʿa al-fiqhiyya, Bd. 15. S. 159–160)

Wenn dieser Gedankengang nicht islamistisch-extremistisch ist, möchte ich wissen, was für Sie Extremismus bedeutet.

Darüber hinaus wurde in Gerichtsverfahren gegen dhimmis nach der Scharia geurteilt. Dhimmis konnten in politischen Ämtern niemals über einem Muslim stehen, nur weil sie eben dhimmis waren. Laut einigen westlichen Quellen, „wurde das Zeugnis eines Christen vor dem muslimischen Gericht als nicht so valide angesehen wie das Zeugnis eines Moslems“. Vor einem muslimischen Gericht hatten christliche Zeugen Probleme, ihre Glaubwürdigkeit durch Eid zu untermauern. Es war für einen Christen vor einem muslimischen Gericht sinnvoll, muslimische Zeugen aufzubieten, da nur sie einen muslimischen Eid auf den Koran schwören können.

Was ist das, wenn nicht islamistischer Extremismus?

Freiwilliger Übertritt zum Islam wurde von den osmanischen Autoritäten begrüßt, denn muslimische osmanische Autoritäten sahen den Islam als höhere, fortschrittlichere und richtigere Form des Glaubens an.

Der alleinige Wahrheitsanspruch ist nichts als Fundamentalismus und islamistischer Extremismus. Auf die Alevitenverfolgungen im Osmanischen Reich möchte ich Sie ungern zusätzlich hinweisen, die sollten Sie kennen.

Fazit

Liebe Frau Kaddor, der Salafismus ist ein monströses Gesicht des Islamismus. Die Kolonial-Politik der Westmächte tat in seiner Verbreitung ihr übriges dazu, das stimmt. Wer aber den Fundamentalismus nur im Salafismus sieht und das Osmanische Reich, einen Gottesstaat, als „tolerantes“ System beschreibt, betreibt Geschichtsrevisionismus in seiner widerlichsten Form. Wenn Religionsgemeinschaften versuchen Politik und Religion zu vermischen, sucht man Toleranz vergeblich. Das hat die Geschichte bei so gut wie allen Religionsgemeinschaften gezeigt. Artikel, die das versuchen zu relativieren, gilt es zu kritisieren und nicht als „sehr gute Analyse“ zu verbreiten.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle


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