Archiv für April 2017

Fundamentalismus und „die“ Linke – Ein Gedankenspiel

Nachdem ich mich in den letzten Monaten mit marx21-AnhängerInnen, einem Bundestagsabgeordneten der Linken und Teilen des Vorstandes der Linksjugend [’solid] NRW mehrfach in die Haare bekommen habe, wobei es vor allem darum ging, dass ich Kritik an der Einladung Aiman Mazyeks zum „Marx is` Muss“-Kongress und zum Parteitag der Linken 2016 in Magdeburg geäußert habe, möchte ich mich heute einem kleinen Gedankenspiel widmen.

Zur Info:

Aiman Mazyek ist der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) und beheimatet in seinem Verband einzelne sehr zweifelhafte Verbände. So ist ein Mitglied des ZMD die IGD (Islamische Gemeinschaft in Deutschland), die vom Verfassungsschutz als Deutschlandvertretung der islamistisch-antisemitischen Muslimbruderschaft beschrieben wird.

„Die Muslimbruderschaft tritt zwar in Deutschland nicht offen in Erscheinung, wird jedoch durch die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD) und die FIOE als Teil einer weltweiten „Islamischen Bewegung“ vertreten und ist somit auch in Deutschland aktiv.“ […] „Die Bestrebungen der IGD richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.“ Verfassungsschutzbericht 2014 Bayern

Auch Islamwissenschaftler Aladdin Sarhan kommt in seiner Bewertung der IGD zu dem selben Ergebnis.

Dazu tummelt sich im ZMD die ATIB (Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa), die sogar den stellv. Vorsitzenden des ZMD stellt. Die ATIB wird vom bayrischen Landtag in der Beantwortung einer schriftlichen Anfrage dem Spektrum der rechtsradikalen Grauen Wölfe-Bewegung zugerechnet. Ähnlich sehen das renommierte Wissenschaftler wie Dr. Kemal Bozay, Ismail Küpeli, Prof. Dr. Ina Wunn oder die ZDF-Jounalisten der Dokumentation Graue Wölfe | Eine Chronologie der stillen Macht .

Ein weiteres Mitglied des ZMD ist das IZH (Islamisches Zentrum Hamburg), das dem geistlichen Oberhaupt des Iran unmittelbar unterstellt ist und somit die Linie des islamistisch-antisemitischen Mullah-Regimes in Teheran vertritt.

Zusammengefasst kann man laut den genannten Quellen sagen, dass der Zentralrat der Muslime (ZMD) ein Sammelbecken für IslamistInnen, türkische Rechtsradikale und AntisemitInnen ist. Sein Vorsitzender, Aiman Mazyek, repräsentiert all diese Verbände, die er teils in Spitzenpositionen agieren lässt. Und genau diesem Aiman Mazyek wurde am 28. Mai 2016 beim Parteitag der Linken in Magdeburg ein Podium geboten.

Zudem wird Mazyek als Referent beim „Marx` is Muss“ Kongress im Mai 2017 sprechen. Dabei wird es um die Bedrohung durch rechtspopulistische Parteien wie die AFD gehen. Eine Farce an Hand dessen, wen Mazyek in seinem Verband selber repräsentiert.

Nun möchte ich ein Gedankenspiel machen, das sich konkret an die Linke, die Solid und die Links-Bewegung in Deutschland richtet:

Da auf linker Führungsebene anscheinend kaum jemand ein Problem mit Aiman Mazyeks Verband zu haben scheint, ersetze ich jetzt die bereits oben genannten Organisationen durch eine nationalistische Organisation aus Deutschland, eine christlich-fundamentalistische Organisation und einen fiktiven christlichen Gottesstaat, der das fiktive christlichen Zentrum „CZI“ (Christliches Zentrum Irgendwo) kontrolliert.

Alle drei Organisationen sind im fiktiven „Zentralrat der echten Christen in Deutschland – ZeCD“ organisiert, dessen Vorsitzender Max Mustermann ist.

Die Rolle der ATIB nimmt dabei die Identitäre Bewegung ein, eine völkisch orientierte Gruppierung, die ethnopluralistisch-kulturrassistische Konzepte vertritt. Also ideologisch nicht sehr weit entfernt von den Standpunkten der rechtsextremen Grauen Wölfe, glaubt man den ExpertInnen-Berichten über die ATIB.

Die Symbolik der IGD übertrage ich auf die Lord’s Resistance Army, eine christliche-Fundamentalistische Organisation aus Uganda, die für einen Gottesstaat kämpft. Die Muslimbruderschaft, die durch die IGD in Deutschland vertreten wird, kämpft für einen islamischen Gottesstaat.

Und zu guter Letzt schaffe ich für das christliche Gegenstück zum Iran, den fiktiven christlichen Gottesstaat „Kreuzland“, dessen Führung das „CZI“ untersteht. In Kreuzland werden genauso wie im Iran, regelmäßig Homosexuelle an Baukränen aufgehangen. EhebrecherInnen werden im Sinne der Inquisition verbrannt. Regime-KritikerInnen verschwinden in Foltergefängnissen.

Der Vorsitende des „ZeCD“, Max Mustermann, wird nun in diesem fiktiven Szenario von der Linkspartei eingeladen, um ein Grußwort auf ihrem Parteitag zu sprechen, wobei er u.a. von der „Bejahung gegenüber Vielfalt“ in Deutschland spricht. Ein Jahr später wird er zu einem linken Kongress eingeladen, wo er sich gegen Rechtspopulismus aussprechen wird.

Jeder normal denkende Mensch würde sich jetzt denken: What the fuck? Wie kann man den Vorsitzenden eines solchen Verbandes auf einem anti-faschistischen Kongress sprechen lassen. Ich würde wahrscheinlich sofort einen Artikel schreiben und die Verantwortlichen scharf kritisieren.

Doch die Verantwortlichen würden mir darauf „anti-christlichen Rassismus“ vorwerfen und in Teilen eine Hetzkampagne gegen mich starten.

Szenario Ende.

Gibt es nicht? Doch! Nachdem ich den Auftritt und die Einladung Aiman Mazyeks kritisierte, wurde mir ernsthaft „anti-muslimischer Rassismus“ vorgeworfen. Unglaublich, aber leider wahr. Bitte macht euch selber ein Bild, was in Teilen der Linken falsch läuft. Ich fordere keine uneingeschränkte Solidarität, ich fordere von euch, dass ihr euren Verstand benutzt. Nicht mehr und nicht weniger.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle

Ein offener Brief an Lamya Kaddor

Lamya Kaddor versucht der Welt regelmäßig zu erklären, wie sie mit islamistischem Terrorismus und Extremismus umzugehen hat.
Am 14. April 2017 teilte Sie dazu einen Artikel der FAZ, in dem dargelegt wird, dass „der“ Westen mit daran schuld sei, dass sich der Islamismus in der islamischen Welt rasant verbreiten konnte. Historisch gesehen spricht der Artikel durchaus richtige Punkte an, folgt aber nicht selten „todenhöferischen“ Argumentationsmustern („Daran ist der Westen schuld“) und bezeichnet die osmanische Religionspolitik gar als „vergleichsweise tolerant“. Frau Kaddor bezeichnet den Artikel als „sehr gute Analyse“, um zu zeigen „wie der islamistische Extremismus in unsere Welt kam“.

War das System des Osmanischen Reiches nicht durch islamistischen Extremismus gekennzeichnet?

Liebe Lamya Kaddor,

was wollen Sie uns genau mit Ihrem Post und den Zitaten sagen? Verteidigen Sie indirekt das Osmanische Reich, also einen Gottesstaat?

Der Reihe nach:

Natürlich verfolgte das Osmanische Reich mit seiner religiös definierten Rechtsordnung, dem Millet-System, ein Ausbalancieren der religiösen Interessen. Interessen von Muslimen, Juden und Christen. Atheisten & Agnostiker sind in diesem System übrigens nichtig, klingt für mich persönlich auch schon recht fundamentalistisch. Nun gut…

Juden und Christen waren im Osmanischen Reich sogenannte „dhimmis“, also nicht-muslimische Schutzbefohlene, die eine Kopfsteuer (Dschizya) bezahlen mussten, nur weil sie eben Juden oder Christen waren. Im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland sind Schutzbefohlene heute Kinder & Jugendliche. Sollte man sich mal drüber Gedanken machen, wenn man sich Menschen- und Weltbilder des Osmanischen Reiches genauer anschaut. ;)

Ich frage mich, wie Sie ein System beschreiben würden, in dem Sie eine Kopfsteuer bezahlen müssten, nur weil Sie Muslima sind. Eine Kopfsteuer, die Ihnen von christlichen Herrschern aufgedrückt würde. Man würde nicht umher kommen, dieses System religiös-extremistisch zu nennen.

Islamische Gelehrte beschreiben die Dschizya wie folgt:

„Die Geldeinnahme an sich ist bei der Legitimation der Dschizya nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist vielmehr die Unterwerfung der Schutzbefohlenen (ahl al-dhimma) der Herrschaft der Muslime, in ihrem Kreis zu leben, um die Vorzüge des Islams und die Gerechtigkeit der Muslime kennenzulernen. Damit diese Vorzüge für sie überzeugende Beweise dafür sind, sich vom Unglauben (kufr) abzuwenden und den Islam anzunehmen.“ (al-mausuʿa al-fiqhiyya, Bd. 15. S. 159–160)

Wenn dieser Gedankengang nicht islamistisch-extremistisch ist, möchte ich wissen, was für Sie Extremismus bedeutet.

Darüber hinaus wurde in Gerichtsverfahren gegen dhimmis nach der Scharia geurteilt. Dhimmis konnten in politischen Ämtern niemals über einem Muslim stehen, nur weil sie eben dhimmis waren. Laut einigen westlichen Quellen, „wurde das Zeugnis eines Christen vor dem muslimischen Gericht als nicht so valide angesehen wie das Zeugnis eines Moslems“. Vor einem muslimischen Gericht hatten christliche Zeugen Probleme, ihre Glaubwürdigkeit durch Eid zu untermauern. Es war für einen Christen vor einem muslimischen Gericht sinnvoll, muslimische Zeugen aufzubieten, da nur sie einen muslimischen Eid auf den Koran schwören können.

Was ist das, wenn nicht islamistischer Extremismus?

Freiwilliger Übertritt zum Islam wurde von den osmanischen Autoritäten begrüßt, denn muslimische osmanische Autoritäten sahen den Islam als höhere, fortschrittlichere und richtigere Form des Glaubens an.

Der alleinige Wahrheitsanspruch ist nichts als Fundamentalismus und islamistischer Extremismus. Auf die Alevitenverfolgungen im Osmanischen Reich möchte ich Sie ungern zusätzlich hinweisen, die sollten Sie kennen.

Fazit

Liebe Frau Kaddor, der Salafismus ist ein monströses Gesicht des Islamismus. Die Kolonial-Politik der Westmächte tat in seiner Verbreitung ihr übriges dazu, das stimmt. Wer aber den Fundamentalismus nur im Salafismus sieht und das Osmanische Reich, einen Gottesstaat, als „tolerantes“ System beschreibt, betreibt Geschichtsrevisionismus in seiner widerlichsten Form. Wenn Religionsgemeinschaften versuchen Politik und Religion zu vermischen, sucht man Toleranz vergeblich. Das hat die Geschichte bei so gut wie allen Religionsgemeinschaften gezeigt. Artikel, die das versuchen zu relativieren, gilt es zu kritisieren und nicht als „sehr gute Analyse“ zu verbreiten.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle