Archiv für März 2017

Erdogan und der Faschismus

Immer wieder werden dem türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, und seiner Partei AKP unterstellt, dass sie ein faschistisches System in der Türkei etablieren. AKP-AnhängerInnen weisen das entschieden zurück. Was ist dran an den Faschismus-Vorwürfen?

Der Schriftsteller, Kolumnist & Philosoph Umberto Eco veröffentlichte 1999 in seinem Buch „Vier moralische Schriften“ eine 14 Punkte enthaltende Definition des Faschismus. Nach dieser ließe sich eine politische Gruppe als faschistisch einordnen, auch wenn sie nicht allen dieser Merkmale entspräche. Ich versuche nun exemplarisch die 14 Merkmale des Faschismus nach Eco auf das AKP-Regime und seine AnhängerInnen zu übertragen.

Die 14. Merkmale des Ur-Faschismus

01. Kult der Überlieferung – Es kann keinen Fortschritt des Wissens geben, „DIE“ Wahrheit wurde schon offenbart und befindet sich im Besitz des jeweiligen Führers und seiner Gefolgsleute.

Immer wieder hört man von Erdogan-AnhängerInnen, dass sie die AKP unterstützen, weil diese „DIE“ Wahrheit sprechen würde, während ein Großteil der Welt ansonsten nur Lügen verbreite, mit dem Ziel, die Türkei und Erdogan schlecht zu machen. Die Antwort auf die Frage, warum Erdogan so gut für die Türkei sei, wird nicht selten damit beantwortet, dass er einfach die Wahrheit in Person sei. Viele sind sogar der Meinung, dass Erdogan der Nachfolger des Propheten Mohamed sei, der als Inbegriff „DER“ Wahrheit in der islamischen Welt gilt. Um diese Wahrheit auch in Zukunft verbreiten zu können, schrecken AKP-Fans auch nicht davor zurück, ihre Kinder systematisch zu indoktrinieren, damit sich ja kein kritisches Denken entwickeln kann.

02. Ablehnung der Morderne – Dieser Traditionalismus führt zur Ablehnung der Moderne, da er als Bedrohung für die eigene Kultur wahrgenommen wird.

In der Türkei sind die sogenannten „Imam-Hatip-Schulen“ auf dem Vormarsch. Diese Schulen sind religiöse Lehranstalten und das Lieblingsprojekt Erdogans.
Der Journalist Özgür Mumcu, Sohn des 1993 von einer Autobombe getöteten Journalisten Uğur Mumcu, schrieb dazu:

„Die besten Schulen des Landes laufen nun Gefahr, dass islamistische Gruppen sie unterwandern. Sie sollen in Schulen verwandelt werden, die dem Einparteienstaat dienen und deren Ziel es ist, Generationen religiöser Menschen heranzuziehen. Unsere Republik verliert ihre Schulen. Bürger, seid ihr euch dieser großen Gefahr bewusst?“

Diese neue stark religiöse Ausrichtung der türkischen Institutionen zeigt bereits Wirkung. Am 20. Januar 2017 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel, in dem es hieß, dass die Evolutionstheorie aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen wird. Nur ein Beispiel unter vielen, das aufzeigt, wo sich das AKP-Regime bildungstechnisch im 21. Jahrhundert positionieren will.

03. Irrationalismus – „Aktion um der Aktion willen“ – das heißt, dass gehandelt wird ohne nachzudenken. Denn denken impliziert immer eine differenzierte Herangehensweise und Abwägung verschiedener Positionen, was dem Irrationalismus aber fremd ist.

Erdogan-Kritiker werden per se als Terroristen gebrandmarkt. Wer eine kritische Haltung zu Erdogan hat, ist für AKP-AnhängerInnen entweder PKK-Fan oder Gülen-Supporter. Ganz einfach. Wenn die niederländische Regierung Wahlkampf-Veranstaltungen in ihrem Land untersagt, stechen AKP-Fans wahllos auf Orangen ein oder verbrennen Frankreich-Fahnen im Glauben, dass es sich um die Fahne der Niederlande handelt. Hauptsache man ist wütend und macht es publik. Warum, weshalb, wieso – überflüssige Fragen.

04. Fehlende Kritikfähigkeit – Andersgläubige und Dissidenten werden gehasst und verfolgt, da sie in den Augen des Ur-Faschismus, die eigenen Ziele und Werte verraten. Wer kritisch denkt, kann selbstständig Entscheidungen treffen und vermehrt sein Wissen, doch genau das will der Ur-Faschismus nicht. Die Leute sollen denken, was man ihnen zu denken gibt. Ansonsten sollen sie dumm gehalten werden. Denn Dumme sind leicht zu kontrollieren.

Ich denke, dass man hierzu keine große Erklärung mit Sicht auf die Lage in der Türkei schreiben muss. Allein der Umgang einer Regierung mit den JournalistInnen eines Landes, zeigt sehr gut auf, inwiefern Kritik und Zweifel zugelassen und sogar als Bereicherung gesehen werden.

„Die Türkei gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit.“ […] „Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurde ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim.“ Reporter ohne Grenzen – Türkei

05. Faschismus wächst und sucht Konsens – Die Angst vor dem Fremden, der die eigene Wahrheit in Frage stellen könnte. Dabei gehen Angriffe besonders gegen die sogenannten geistigen „Eindringlinge“, auch bekannt als „Zersetzer“. Alle Faschismen sind rassistisch.

Wenn in der Türkei ein Unheil passiert, stecken laut Erdogan und Fans immer die KommunistInnen, ZionistInnen, AtheistInnen, AlevitInnen, ArmenierInnen und natürlich die AnhängerInnen der Fethullah Gülen-Bewegung und/oder „der“ Westen dahinter, die nichts besseres zu tun haben, als die türkische Gesellschaft zu unterwandern, zu spalten und den Sultan zu stürzen. Ihr ganzes Dasein ist für Erdogan nur ein Beweis dafür, dass es sich lohnt, dauernd im Kriegszustand zu sein. Denn wer seiner Wahrheit widerspricht, muss ja schließlich etwas böses im Schilde führen. Sein oberstes Ziel ist dabei, das sogenannte Türkentum zum Herrscher dieser Erde zu machen und an alte Zeiten anzuknüpfen, in denen das osmanische Imperium eine Weltmacht war. Blut- und Boden-Ideologie gehört da schon fast zum guten Ton.

06. Faschismus entspringt gesellschaftlicher, massenhaft geteilter individueller Frustration


Wenn Erdogan und seine AnhängerInnen eines sein können, dann beleidigt. Der Sultan drückt den Schmerz seiner WählerInnen täglich aus, die sich durch die Welt gedemütigt fühlen und stets die Opfer aller Verschwörungen dieses Planeten sind. Ihnen hat der Sultan nun Straßen, Brücken, Mega-Flughäfen und Weltherrschaftsansagen in Dauerschleife geschenkt, damit auch jeder weiß, wie mächtig die Türkei heute ist. Man kommt nicht umher, an den Begriff des Napoleon-Komplexes zu denken, der sich über das ganze AKP-Regime gelegt zu haben scheint.

07. Nationalismus – Wer selber keine soziale Identität hat und sich dieser beraubt fühlt, dem gibt der Ur-Faschismus als einziges Privileg das häufigste: Die Herkunft. Das ist der Ursprung des Nationalismus.

„Ne mutlu Türküm diyene“ (Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet) ist ein Leitsatz Atatürks, den auch Erdogan gerne benutzt. Ultra-Nationalismus ist Alltag in der Türkei und, anders als in Deutschland, in der Rhetorik vieler TürkInnen nicht negativ behaftet.

08. Verfolgungswahn

Siehe Punkt 5

09. Kampf als Selbstzweck – Es gibt keinen Kampf ums Überleben, sondern nur ein Leben für den Kampf

Wahlsprüche von AKP-PolitikerInnen wie „Blut und Ehre“, „Blut und Boden“ oder auch der Soldatenkult, zeugen von einem Leben für den Kampf. Da Erdogan sich als Opfer von Dauerangriffen durch diverse Feinde sieht, ist es für ihn nur normal, die Türkei in einen anhaltenden Ausnahmezustand zu versetzen und alle kurdischen Gebiete, in denen die HDP gewählt wird, niederzubomben. Es könnte ja seine Wahrheit in Frage gestellt werden.

10. Elitedenken – Man ist in bester historischer Gesellschaft

Natürlich ist Erdogan ein Auserwählter und jeder, der ihm folgt, bekommt ein Stück von seiner Heiligkeit ab.

11. 
Erziehung zum Heldentum – Heroismus als Norm, Todeskult („We love death more than the infidel loves life“ – ibn waraq)


In bester Tradition der Muslimbruderschaft. 1938 glorifizierte Hasan al-Bannā (der Gründer der Muslimbruderschaft) in dem Traktat „Die Todesindustrie“ den Tod des individuellen Gläubigen aus religiösen Beweggründen als Mittel zur Durchsetzung politischer Forderungen. Erdogan ist bekanntlich ein großer Fan der Muslimbruderschaft. ;)

12. Machismo – Ein permanenter Krieg oder die Heldenverehrung sind mitunter schwierig, daher braucht es noch einen anderen Weg um Macht und Überlegenheit auszudrücken. Dieser Weg überträgt das Ganze auf das sexuelle Gebiet.

Immer wieder kann man besonders von weiblichen Erdogan-Anhängerinnen hören, dass sie alles tun würden für ihren Führer und dass sie ihn als attraktivsten Menschen der Erde wahrnehmen. Das ist nicht übertrieben, Erdogan scheint bei vielen Frauen ein Sexgott zu sein. :D

13. Populismus – Der Führer wirft sich zum Interpreten des Volkswillen auf. Führer und Volk inszenieren sich als untrennbare Einheit – eine theatralische Fiktion.


Kein Kommentar.

14. Newspeak – „Newspeak“ stammt aus dem Roman “1984″ von George Orwell und ist eine aus politische Gründen vereinfachte Form der Sprache.

Hier bin ich mir nicht ganz sicher, aber unter Erdogan-Fans reicht ein „Allahu akbar“ meistens aus.

Fazit

Verdächtig.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle

Die Ära Trump – Paranoid, wütend und erfolgreich

Da ich immer wieder lese, höre und gefragt werde, warum ich nichts zu Donald Trump schreibe, werde ich mich nun auch mal zum derzeitigen Präsidenten der U.S.A äußern und zwar wie folgt:

Donald Trump scheint ein Soziopath zu sein, der zu Frauenverachtung und rassistischen Stereotypen neigt bzw. diese auch offen propagiert. Donald Trump ist vordergründig nicht nur eine Gefahr, weil er Inhalte vermittelt, die die Gesellschaft spalten, Minderheiten stigmatisieren und völkisches Denken betonen. Donald Trump ist besonders eine Gefahr, weil er wohl auch dazu neigt, einiges persönlich zu nehmen. Und es gibt nicht viele Sachen, die gefährlicher sind, als Machos in Machtpositionen, die sich in ihrem Stolz gekränkt fühlen. Aus dieser psychologischen Komponente erwachsen übrigens viel eher faschistoide Tendenzen, als aus einer politischen Einstellung. Diese wird dann Mittel zum Zweck.

Minderwertigkeitskomplexe, Neid und Missgunst können den Menschen zu Höchstleistungen in Boshaftigkeit und Zerstörung führen, das hat uns die Geschichte gelehrt. Zudem scheint Trump dazu zu tendieren, sich die Welt schwarz-weiß zu malen und alle Ansichten, die nicht seiner Wahrnehmung entsprechen, als „Fake News“ oder Unwahrheiten abzutun. Hier ist es nicht weit zu der Rhetorik eines Recep Tayyip Erdoğan. Entweder du bist für mich oder gegen mich, eine gesunde Mitte scheint da keinen Platz mehr zu haben.

Das eigentlich Tragische an der Figur Donald Trump ist aber, dass es Millionen von Menschen gibt, die ihn in das Amt des „mächtigsten“ Menschen der Welt wählen. Das sollte uns viel mehr zu denken geben. Viele Menschen scheinen das politische Programm gar nicht zu kennen und wollen „den da oben“ einfach mal eins auswischen. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass Trump bei vielen eine rassistische Sozialisation bedient, wobei er große und komplexe Fragen mit einfachen, undifferenzierten Antworten bedient. Salafisten nutzen die Rhetorik der Vereinfachung übrigens auch sehr erfolgreich.
Ähnliches erleben wir in Deutschland mit der AFD. Rassistische Stereotype gegenüber Muslimen waren auch schon lange vor der AFD in den Köpfen vieler Menschen und scheinen sich nun öffentlich auch verbalisieren zu können. Trotzdem sollte man nicht pauschal allen Menschen eine paranoide, krankhafte Angst vor islamistischen Organisationen unterstellen, denn Probleme mit dem Islamismus sind nicht von der Hand zu weisen. Islamistische Organisationen wie die Muslimbruderschaft, die AKP oder der IS sind keine Märchen-Vereine, die in Wirklichkeit für die freiheitlich-demokratische Gesellschaft einstehen, ganz im Gegenteil. Sie unterwandern seit Jahren die deutsche Gesellschaft und Politik. Eine Entwicklung, die uns nicht erst seit den Muslimen in der Union (MidU) bekannt ist, die Diktator Erdogan nicht grad kritisch gegenüberstehen, um es milde auszudrücken. ;)


Islamistische Strukturen müssen auf dem Boden des Grundgesetzes und der Menschenrechte bekämpft werden, das steht für mich außer Frage. Der Kampf gegen den Islamismus darf aber nicht dazu führen, dass Muslime pauschal als Demokratie-Feinde stigmatisiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Und das passiert in der Rhetorik von AFD-Mitgliedern, des Front National, eines Geert Wilders oder eben eines Donald Trumps.
Nationalismus & Rassismus scheinen wieder hoffähig zu sein und spielen den Islamisten in die Hände, die sich der islamischen Community nun als Opfer verkaufen können. Ein Teufelskreis.
Was den meisten nicht bewusst zu sein scheint, ist, dass Islamisten und Nationalisten in vielen Punkten sehr ähnliche Denkweisen verbinden. So fordert der Front National eine „Rückkehr zu traditionellen Werten“, inkl. die Erschwerung der Abtreibung & Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Forderungen, die vielen Trump- oder Erdogan-Anhängern nicht fremd sein dürften.

Demokratinnen und Demokraten, egal welcher Herkunft und Religion, müssen Hand in Hand gegen Faschismus und Unterdrückung jeglicher Couleur vorgehen und demokratische Vorbilder schaffen, die auf dem Boden der Menschenrechte stehen und sich lossagen von Korruption und „schmutzigen Deals“. Welche Alternativen standen den amerikanischen BürgerInnen zur Wahl? Hillary Clinton lief von einer e-mail Affäre über dubiose Fonds bis hin zu Kontakten zur zwielichtigen Regimen der Welt in einen Wahlkampf und dachte so die Menschen für sich gewinnen zu können. Bernie Sanders ließ sich von der Hamas- und Scharia-Sympathisantin Linda Sarsour unterstützen, ein wahrlich schlechtes Zeichen, gerade für die Feminismus-Bewegung in den USA.

FAZIT

Solange wir keine Alternativen schaffen, die 1000% hinter demokratischen Werten und den Menschenrechten stehen und keine Abstriche aus machtpolitischen Interessen dahingehend machen, sollten wir uns nicht wundern, dass auch mal ein Irrer an die Macht kommt. Traurig, aber wahr…

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle