Die Muslimbruderschaft, Deutschland & die Dachverbände

Die Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten durch den Grundschullehrer Hasan al-Bannā gegründet und gilt als die älteste und einflussreichste sunnitisch-islamistische Organisation der Moderne. Nach eigenen Angaben ist die MB heute in 70 Ländern aktiv und hält Kontakt zu verschiedensten islamistischen Organisationen und Parteien weltweit. Als Ziel verfolgt die MB an jedem Ort, an dem sie aktiv ist, die Errichtung eines Gottesstaates auf Grundlage der Scharia. So setzt die MB besonders auf eine Unterwanderung der Institutionen, um so auf legalem Weg an die Macht zu kommen und um dann die hiesige nicht-islamische Rechtsordnung abzuschaffen. Dabei orientiert man sich am Panislamismus, der die innerislamischen Gemeinsamkeiten in Geschichte, Kultur und Religion hervorheben will und die Einheit aller Muslime in einem islamischen Staat oder Kalifat anstrebt.

„Für den Gründer al-Banna trug die Bruderschaft deutlich politische Züge, aber durch den als allumfassend angesehenen Charakter des Islams sei sie darüber hinaus eine „der körperlichen Ertüchtigung dienende Gruppe“, ein „kultureller und wissenschaftlicher Verband“, eine „soziale Idee“ und sogar ein „Wirtschaftsunternehmen“. Mit dieser universalen, auf alle Bereiche der Gesellschaft zielenden Ausrichtung war die Muslimbruderschaft das Vorbild für den sunnitischen Islamismus des 20. Jahrhunderts.“
Verfassungsschutz Niedersachsen

Wie in seiner Biografie beschrieben wird, äußerte sich al-Bannā entsetzt darüber, dass nach dem 1. Weltkrieg in Kairo ein Klima des religiösen Aufbruchs und der religiösen Liberalisierung herrschte, in dem diverse Intellektuelle auch nicht davor zurückschreckten, religiöse Tabus scharf zu kritisieren und hinterfragen. Diesen Zustand der Freigeisterei (ilḥād) und Zügellosigkeit (ibāḥīya) wollte al-Bannā mit seinen eigenen ultra-orthodoxen Moralvorstellungen gezielt bekämpfen und auslöschen. Besonders wichtig dabei war ihm die Daʿwa, also die Missionierung, da die Menschen den Bezug zum Islam verloren hätten. Diese Missionierung wurde an die Moderne angepasst und erfolgte mit Zeitungen, Theaterstücken, Filmen, Grammophon (ḥākk) und Radio (miḏyāʿ). Hasan al-Bannā – What Is Our Message?

Die islamische Kolonialherrschaft in Afrika, in der Araber seit dem 7.Jahrhundert n. Chr. ganze Dörfer und Völker ausrotteten, Menschen kastrierten und unzählbar viele Schwarz-Afrikaner ihr Leben in sogenannten Todesmärschen durch die Sahara nach Nordafrika verloren, nannte al-Bannā wesentlich „humaner“ als den Kolonialismus der Gegenwart.

Ab den 1930er Jahren verfolgte die Muslimbruderschaft u.a. auch die Absicht einen bewaffneten, offensiven (kleinen) Dschihad gegen Nicht-Muslime und deren Helfer zu führen. Dabei legte man besonders wert auf die Verherrlichung des Märtyrertums, in dem eine „Industrie des Todes“ perfektioniert werden sollte. 1938 führte die MB gewalttätige antisemitische Proteste unter dem Slogan „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“ durch. Diesen Judenhass bemerkten auch die Nazis in Deutschland, die über den deutschen Agenten in Kairo Wilhelm Stellbogen, ab 1938 der Muslimbruderschaft finanzielle Unterstützung zukommen ließen. Einerseits sahen die Nazis in der Muslimbruderschaft einen Verbündeten gegen die Briten in Ägypten, die die Bruderschaft ebenfalls bekämpfte, andererseits verstand man sich gerade in der Judenfrage als Gleichgesinnte, trotz des rassistischen Weltbildes der Nazis. Die Bruderschaft verwendete die finanzielle Unterstützung der Nazis für Waffenkäufe und Propaganda im Sinne des sich abzeichnenden Nahostkonfliktes im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Anfang der 1940er Jahre richtete die Bruderschaft einen geheimen militärischen Apparat ein.

Über den Propaganda-Apparat der Nazis verbreiteten sich mit Hilfe der Muslimbruderschaft auch die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion weiter in der arabischen Welt und untermauerten die klassische antisemitische Parole der jüdischen Weltverschwörung, laut der Juden u.a. die Welt und besonders die internationale Finanzwelt kontrollieren. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts galten Juden in der islamischen Welt als sogenannte „dhimmis“, also Schutzbefohlende, von denen keine Gefahr für islamische Herrscher ausgingen. Dieses Bild änderte sich in den arabischen Gesellschaften nun rapide. Ähnlich wie in Deutschland, wurde nun für alles Übel der Welt „der Jude“ verantwortlich gemacht. Der Anfang vom Ende.

Hasan al-Bannās Verbündeter in Palästina war zu dieser Zeit Mohammed Amin al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem. Ab 1938 arbeitete dieser mit den Nazis zusammen und lebte seit 1941 im Exil in Deutschland. Am 28. November 1941 wurde al-Husseini in Berlin offiziell von Hitler empfangen, wobei sich Hitler von Husseini begeistert zeigte. Nachdem der Mufti schließlich eine Rede Hitlers live miterlebte, in der Hitler den USA den Krieg erklärte und die Vernichtung aller Juden weltweit anpries, war sich Husseini sicher, auf die richtige Karte gesetzt zu haben. Er residierte u.a. als persönlicher Gast Hitlers in Oybin (Sachsen), der ihm dort ein stattliches Haus überlassen hatte. Adolf Eichmann weihte den Mufti Anfang 1942 in „die Lösung der europäischen Judenfrage“ ein, die die Vernichtung aller Juden in Europa vorsah. Husseini war davon sehr beeindruckt und schickte Abgesandte in das KZ Sachsenhausen zur Besichtigung. Al-Husseinis radikaler Antisemitismus stand dem der Deutschen in nichts nach. Er avancierte im Laufe des Zweiten Weltkrieges zum glühendsten Verfechter der Nazis im arabischen Raum und freundete sich sogar mit Heinrich Himmler an. Als hasserfüllter Prediger erklärte er im Angesicht der Gräuel der Shoa, dass er die Juden „am liebsten alle umgebracht sähe“. Hassan al-Banna und Amin al-Husseini bildeten ein tödliches Gespann, das sich besonders durch den gemeinsamen Judenhass „auszeichnete“. 1947 wurde al-Husseini schließlich zum Führer der Muslimbrüder in Palästina ernannt.

1951 trat ein gewisser Sayyid Qutb der Muslimbruderschaft bei und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem der einflussreichsten islamistischen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein Buch „Zeichen auf dem Weg“ gilt als maßgeblicher Einfluss vieler nachfolgender islamistischer Gruppierungen, darunter militante Organisationen wie Al-Qaida oder Hamas. Qutb manifestierte in seinen Schriften eine absolute Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes. Zu den einflussreichsten Schriften des islamistischen Antisemitismus gehört Sayyid Qutbs 1950 veröffentlichter Aufsatz „Unser Kampf mit den Juden“. Der Text hat bis heute bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Antisemitismus unter Islamisten und beschreibt Juden als die natürlichen Feinde der Muslime.

Eine wichtige Rolle in Qutbs Denken spielte der Begriff der Dschāhilīya, der eine Gesellschaft beschreibt, die vom Islam abweicht. Qutb folgerte, dass es für die Einteilung in eine entweder islamische oder nichtislamische (dschahilitische) Gesellschaft nur ein Kriterium gebe: Die islamische Gesellschaft ist diejenige, in der die Scharia vollständig umgesetzt ist. Auf dem Weg zur Beseitigung der Dschahilīya empfahl Qutb den Rückzug von der unislamischen Kultur, die Selbstreinigung und Befreiung von den Traditionen und Vorstellungen der dschahilitischen Gesellschaft.

Von diesem Gedankengut beeinflusst, gründete der Islamist Necmettin Erbakan in den 1970er Jahren in der Türkei die Millî Görüş („Nationale Sicht“)-Bewegung, über die Erbakan den Begriff Adil Düzen („Gerechte Ordnung“) einführte. Diese gerechte Ordnung orientierte sich stark an den Thesen Sayyid Qutbs. Genauso wie Hasan al-Bannā, wollte Erbakan einen islamischen Nationalismus, dem er aber die Komponente der „türkisch-islamischen Synthese“, ein politisch rechtsgerichtetes islamisch-konservatives Ideologem, beifügte. Wie die Muslimbruderschaft bis heute mit diesem türkischen Nationalismus umgeht, ist mir dabei ein Rätsel. Erbakan suchte in den Folgejahren gezielt den Schulterschluss mit der Muslimbruderschaft, wobei man gerade im Judenhass ein gemeinsames sinnstiftendes Element fand. Vor allem die Kommunisten standen laut Erbakan einer globalen Muslimbruderschaft im Weg, genauso warf er den Juden und Israel vor, gegen die islamische Weltgemeinde, die „Umma“ (die Gemeinschaft der Muslime), zu politisieren. Die Homogenität und den politischen Willen der Muslime, eine Umma zu werden, setzte Erbakan einfach voraus. Eine solche Vereinigung, glaubte er, würde Schutz vor dem Judentum bieten können. Dafür, dass die Muslime freilich nicht zueinanderfinden wollten, machte Erbakan ebenfalls die Juden verantwortlich. Die Muslimbruderschaft selber organisierte sich in der Türkei nicht als Partei, weil sie in der Milli-Görüş-Bewegung eine Vereinigung von Gesinnungsgenossen sah.

Und eben dieser Necmettin Erbakan hatte einen heute recht bekannten Schüler, den er über Jahre aufbaute und der sozusagen mit der Muttermilch die islamistische und antisemitische Ideologie seines Mentors aufnahm. Dieser Schüler war kein geringerer als Recep Tayyip Erdoğan, der bis 1998 den verschiedenen Parteien der Millî Görüş-Bewegung angehörte und dort politische Karriere machte. Aus rein strategischen Gründen, um einem Verbot seiner politischen Aktivitäten durch das laizistische Militär zu entgehen, gründete Erdogan mit ehemaligen Kollegen der Millî Görüş-Bewegung die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP).

Erdogan gilt heute nicht umsonst als einer der einflussreichsten Unterstützer der Muslimbruderschaft. Sein Weltbild und seine Ideologie wurden jahrelang durch Necmettin Erbakan entscheidend geprägt. Das berühmte R4bia-Handzeichen, das Erdogan immer zeigt, drückt seine Solidarität mit der Muslimbruderschaft aus. Und auch nachdem sich Erdogan und Erbakan in den 2000er Jahren verstritten, blieb Erdogan dem ideologischen Grundkonzept der Millî Görüş-Bewegung & Muslimbruderschaft treu: der islamische Nationalismus. Jegliche Annäherungen an den Westen und angebliche Liberalisierungs-Versuche waren Vorhaben, um einem Putsch durch das Militär zu entgehen. Als das Militär gegen 2009/2010 entmachtet wurde, kehrte Erdogan auf seinen Kurs des Islamismus zurück und man sieht heute in welchem Zustand sich die Türkei befindet. Die Muslimbruderschaft und ihr palästinensischer Ableger, die Hamas, sind regelmäßige Ehrengäste in Ankara und die Türkei hat sich inzwischen zum Drehkreuz des Islamismus in Nahost entwickelt.

Da die AKP das Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten) in der Türkei kontrolliert, hat die AKP auch direkten Einfluss auf den größten deutsch-islamischen Dachverband DITIB, da das Diyanet wiederum DITIB kontrolliert und finanziert. Die Imame und Kulturattachés DITIBs sind de facto Beamte des türkischen Staates, deren Anweisungen und Ideologie sie erhalten. So ist es nicht verwunderlich (wenn man die Verflechtungen zwischen der Muslimbruderschaft, Millî Görüş und Erdogan kennt), dass DITIB-Gemeinden immer wieder durch Nähe zur Muslimbruderschaft oder durch antisemitische Vorfälle auffallen.

ditib

Ähnlich verhält es sich mit der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş – IGMG in Deutschland, die aus der türkischen Millî-Görüş-Bewegung entstanden ist. Zwar weist man heute die Nähe zur Ideologie Erbakans von sich, zu einem eindeutigen Bruch kam es dann wohl doch nie. So schreibt der Terrorismusexperte des Landeskriminalamtes Dr. Marwan Abou-Taam über die IGMG:

„Trotz aller Differenziertheit erfolgte bislang kein eindeutiger Bruch mit der Programmatik oder gar mit der Ideologie, vielmehr existieren nach wie vor wichtige ideologische Affinitäten und substantielle Verbindungen zwischen den beiden Bewegungen in Deutschland und in der Türkei.“ Dr. Marwan Abou-Taam – Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG)

Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş – IGMG kontrolliert heute faktisch den islamischen Dachverband Islamrat, bei dem sie die Mehrheit der Mitglieder sowie den Vorsitzenden stellt.

Beim dritten großen islamischen Dachverband, dem Zentralrat der Muslime – ZMD, scheint die Muslimbruderschaft hingegen direkten Einfluss zu haben. So ist ein Gründungsmitglied des ZMD die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD), die laut bayrischem Verfassungsschutz der deutsche Ableger der Muslimbruderschaft ist:

„Die MB tritt zwar in Deutschland nicht offen in Erscheinung, wird jedoch durch die Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. (IGD) und die FIOE als Teil einer weltweiten „Islamischen Bewegung“ vertreten und ist somit auch in Deutschland aktiv.“ […] „Die IGD versucht durch politisches Engagement in Deutschland ihre von der Ideologie der Muslimbruderschaft (MB) geprägten Ziele zu erreichen. Die Anhänger der IGD sind bemüht, ihre Verbindung zur MB in öffentlichen Verlautbarungen nicht zum Ausdruck zu bringen. Die Bestrebungen der IGD richten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.“ Verfassungsschutz Bayern 2016

Fazit

Die islamistische Muslimbruderschaft hat durch ihre etlichen Ableger und Unterstützer weltweit ein Netzwerk aufgebaut, das erheblichen Einfluss auf die Politik und den Alltag verschiedenster Nationen und Gesellschaften hat. Die antisemitischen und anti-demokratischen Grundpfeiler der MB beeinflussen nachhaltig und negativ weltweit Muslime und erschweren deren Integration in demokratische Gesellschaften. Wer mit der Muslimbruderschaft direkt oder indirekt kooperiert, macht sich mitschuldig an Parallelgesellschaften, Anti-Demokratie und unterstützt, ob man will oder nicht, den weltweiten Islamismus, dem jeden Tag tausende Menschen zum Opfer fallen.

Mit antifaschistischen Grüßen
Schmalle


2 Antworten auf „Die Muslimbruderschaft, Deutschland & die Dachverbände“


  1. 1 PW 12. Februar 2017 um 22:20 Uhr

    Danke! Jetzt bleibt nur die Frage, wie wir verhindern, dass das Gedankengut der Muslimbruderschaft sich in Deutschland und Europa immer weiter ausbreiten kann.

  2. 2 Peter Geppert 25. Februar 2017 um 12:14 Uhr

    Ich bin mittlerweile sehr besorgt
    über die erkennbare islamische Ein-
    flussname in meine(unsere) bisher
    aufgeklärte ‚Westliche‘ Lebenswelt

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